Lesbian Activism / Feminism

Lesbische Aktivist_innen in Taiwan begreifen sich weitgehend als Teil einer queeren Community, die eine Allianz mit schwulen Aktivist_innen miteinschließt. Lesbische und schwule Gruppen haben in der Vergangenheit etwa zusammen verschiedene queere Fesivals und Events organisiert und sind auch heute in Gruppen und Allianzen vereint. Gleichzeitig verstehen aber auch einige Lesben und Feministinnen in Taiwan lesbischen Aktivismus als eine spezifische weibliche Widerstandsform gegen einen männlich dominierten hegemonialen Diskurs, und sehen sich in der Folge als eher mit dem Feminismus als mit (männlichen) schwulen Aktivisten verbunden. Doch auch wenn es diese Schnittstellen von Feminismus und lesbischem Aktivismus gibt und gab, fand nichtsdestotrotz innerhalb der taiwanischen feministischen Bewegung eine Marginalisierung von Lesben statt, die zu politischen Auseinandersetzungen innerhalb der sozialen Bewegung führte:

Einige Feministinnen zweifelten etwa die Legitimität lesbischer Anliegen innerhalb der Frauenbewegung an, indem sie Lesben als Minderheit innerhalb der Bewegung definierten, weshalb ihren Anliegen keine Priorität eingeräumt werden sollte. Stattdessen sollten Lesben lieber für sich selber und über lesbsiche Themen sprechen. Dieses Argument ist natürlich höchst problematisch und ausgrenzend, da es nicht einmal die Möglichkeit anerkennt, dass Feministinnen selbst Lesben sein könnten oder umgekehrt Lesben Feministinnen. Darüberhinaus ignoriert es, dass lesbische Aktivistinnen vorher für lange Zeit feministische Politik gemacht haben.

Um diese Einschluss- und Ausschlussfragen drehte sich eine Serie von Artikeln im Jahre 1995, die sowohl in der lesbischen Zeitung Nü pengyou (Girlfriend) als auch in der Publikation einer der wichtigsten Frauenorganisationen, der funü xinzhi jijinhui (Awakening Foundation) erschienen; letztere ist eine Frauenrechts-NGO, in der sowohl bezahlte als auch ehrenamtliche Frauen arbeiten. Die Ursprungsthese dieser Auseinandersetzung war die, dass Homophobie und Privilegierung von Heterosexualität sowohl in der Mehrheitsgesellschaft als auch innerhalb der Frauenbewegung dominant seien, lesbische Anliegen hingegen seien marginalisiert und unterrepräsentiert. Darüberhinaus wurde die bisherige feministische Bewegung dafür kritisiert, dass sie weder die vorherrschende Struktur der Familie als auch die Konstruktion von gender und Begehren offensiv angegriffen haben.
Eine These in diesem Zusammehang war diese, dass die Unterscheidung von Homosexualität und Heterosexualität insgesamt anzugreifen sei, da sie eine das Patriarchat stützende Spaltung der Frauen in gute und schlechte darstelle.

Demgegenüber ließen einige traditionelle Feministinnen die inhaltiche Kritik weitgehend außen vor und vertraten lediglich die Meinung, Frauenbewegung und lesbischer Feminismus sollten Koalitionen eingehen, um sich gegenseitig zu unterstützen, womit sie implizit erneut eine Trennlinie zwischen beidem zogen und überhaupt nicht die (personellen wie inhaltlichen) Überschneidungen greifen konnten. Diese Distinktion zwischen beiden Bewegungen ging sogar so weit, dass eine wichtige Feministin die Ansicht vertrat, die Frauenbewegung brauche zwar die lesbsichen Aktivistinnen, und eingestand, dass auch die Frauenbewegung mehr für lesbische Anliegen eintreten solle, aber im Gegenzug dies relativierte, indem sie sagte, der Einsatz für Lesben sei leer, wenn nicht genug Lesben innerhalb der Frauenbewegung aktiv seien. Einmal mehr wurde also die Frauenbewegung als heterosexuelle imaginiert und die Beteiligung lesbischer Frauen unsichtbar zu machen versucht.

Eine andere Feministin, die früher selbst in der Awakening Foundation aktiv gewesen war, widmete sich in ihrem Beitrag zur Debatte der Frage nach den Gründen des Ausschlusses homosexueller Frauen aus der Frauenbewegung und stellte die Frage, warum einerseits Beziehungen zwischen Frauen innerhalb der Frauenbewegung propagiert würden, aber andererseits Frauen, die romantische Beziehungen zu anderen Frauen eingingen ausgegrenzt würden:

„Isn’t that strange? While we were advocating the ideas that women should identify with women and that women should love women, I fell in love with a real woman of flesh and blood, but I didn’t become a heroine as a consequence. Instead, I automatically withdrew from you and disappeared.”1

Die vorherrschende Ablehnung von Lesben innerhalb der Frauenbewegung hat einige lesbische Aktivistinnen zu der Schlussfolgerung geführt, dass der lesbische Aktivismus eine widersprüchliche Haltung zur Frauenbewegung einnehmen sollte. Einerseits sollten lesbische Themen innerhalb der Frauenbewegung thematisiert werden, andererseits müsse sich aber auch, aufgrund des homophoben Status Quo, eine von der Frauenbewegung abgetrennte lesbische Bewegung formieren.

Die Verknüpfung von Feminismus und lesbischem Aktivismus wurde aber nicht nur von Teilen der Frauenbewegung kritisiert, sondern auch einige Lesben erhoben Einspruch gegen den Fakt, dass lesbische Anliegen fast immer innerhalb feministischer Zusammenhänge diskutiert würden. Ihr Argument lautete, dass dadurch impliziert würde, lesbische Themen haben keine Legitimität an sich, sondern nur in Verbindung mit und als Teil von Feminismus.
Gegen diese Position wurde von verschiedenen lesbischen Feministinnen eingewandt, dass die Frage des genders immer mit in die Kämpfe lesbischer Bewegungen eingewoben wäre, und dass feministische und queere Bewegung lediglich zwei unterschiedliche Wege innerhalb desselben Kampfes seien. Während sich eine Bewegung eher Fragen der sexuellen Orientierung widme, nehme die andere das Geschlechterverhältnis in den Blick. Beide Themen seien jedoch nur analytisch zu trennen. Darüberhinaus stelle lesbische Identität bereits per se das Patriarchat infrage, da es die Möglichkeit weiblicher Unabhängigkeit sowie die Ablehnung von Zwangsheterosexualität und Reproduktionsimperativ angreife.

Kurz nach den Diskussion um das Verhältnis von Feminismus und lesbischem Aktivismus wurden zwei wichtige prolesbische Feministinnen aus ihren Jobs bei der Awakening Foundation entlassen, was wohl eindeutig als Annährung der Frauenbewegung an den gesellschaftlichen Mainstream und gleichzeitige Verwerfen der Möglichkeit einer (Re-)Radikalisierung gelesen werden muss.
Auch in Folge dieser Trennung von der Frauenbewegung gründeten sich verschiedene Gruppen, die sich explizit den Rechten von (Schwulen und) Lesben widmeten, und die somit zumindest vorläufig offizielle Verbindungen zur feministischen Bewegungabschnitten.Diese Bewegungen und Organisationen stehen nun ihrerseits dem Problem gegenüber, nicht in der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit zu versinken, da sie sich (noch) keiner so großen Basis versichert sein können, wie dies für die Frauenbewegung der Fall war und ist.

  1. zitiert nacht: Tze-Ian D. Sang: The Emerging Lesbian – Female Same-Sex Desire in Modern China, 2003, The University of Chicago Press, S. 242. [zurück]

Diskurse in Taiwan. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China [Sechs]

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Nach der Gründung der Republik China im Jahre 1949 wurde Taiwan anfangs stark durch die USA unterstützt und in der Folge auch beeinflusst. Dieser Einfluss wirkte sich auch auf die sozialen Bewegungen in Taiwan aus, so dass heute gewisse Ähnlichkeiten der lokalen queeren Bewegungen und ihrer Politiken zu denen in westlichen Ländern, insbesondere in den USA, bestehen. Jedoch gibt es auch wesentliche Unterschiede.

Ein wichtiger Unterschied zwischen queeren Bewegungen und der Konstruktion queerer Identitäten ist das Konzept des Coming-Out, das im Westen als ein wichtiger (fast notwendiger) Ort des individuellen Widerstands und Selbstdarstellungsprozesses gedacht wird. In Taiwan hingegen zwingen die herrschenden Normen und Diskurse eine andere Form des Coming-Outs und des Sichtbarmachens zu praktizieren; sehr wenige Menschen in Taiwan kommen „out of the closet“ im westlichen Sinne. Das Coming-Out besteht in Taiwan meist eher in einer kollektiven als einer privaten oder individuellen Aktion, und schließt das Outing eines konkreten bestimmten Menschen explizit nicht mit ein. Stattdessen tritt eine Gruppe von Menschen an die Öffentlichkeit und outet sich selbst als queer, und benutzt dabei oftmals Pseudonyme oder Masken, so dass die eigene Identität nicht offenbart wird. Es geht also weniger darum die eigene Homosexualität im persönlichen Umfeld zu „gestehen“, als vielmehr die Existenz von queeren Menschen in der Öffentlichkeit überhaupt sichtbar zu machen.

Nichtsdestotrotz finden sich aber auch verschiedenste politische Formen der Auseinandersetzung mit lesbischer (und auch schwuler oder andere queerer) Selbstdefinition in der öffentlichen Sphäre in Taiwan, besonders seit Beginn der 1990er; so wurden Protestaktionen durchgeführt, ebenso wie Diskussionsveranstaltungen und Meetings mit der Politik. Gleichzeitig entstanden Magazine, die sich mit lesbischer Identität und Aktivismus beschäftigten, sowie literarische, filmische und künstleriche Werke.

Ambivalente Sichtbarkeit

Auch wenn heute in der taiwanischen Öffentlichkeit weibliche Homosexualität stärker diskutiert wird, als dies je der Fall war und ebenfalls stärker als dies in anderen chinesischsprachigen Gesellschaften passiert, so stellt dieser Diskurs zumindest ein zweischneidiges Schwert dar. Denn auch wenn Homosexualität bereits früher (wieder) diskutiert wurde, als dies auf dem chinesischen Festland der Fall war, und auch von medizinisch-psychologischer Seite, die Definition von Homosexualität als Geisteskrankheit entsprechend schneller verworfen wurde, so spielt eine pathologisierende Bestimmung abweichender Sexualität im öffentlichen Bewusstsein, wie auch in Teilen im medialen Diskurs nach wie vor eine wichtige Rolle. Außerdem wird gleichgeschlechtliches Begehren zwischen Frauen als Angriff auf die konfuzianischen Diskurse um Familie und Sexualität empfunden. Der Anspruch an eine taiwanische Frau ist es nach wie vor, ein „normales“ Leben zu führen, was Heirat und Kindergebären miteinschließt.

Darüberhinaus stellt sich auch der Umgang lesbischer Aktivistinnen mit den Medien als schwierig und ambivalent dar, da die Medien selbst keinen klaren Kurs fahren, sondern zwischen Interesse und ernsthafter Auseinandersetzung einerseits und Sensationslust und homophoben Kommentaren andererseits hin- und herpendeln zu scheinen.
So lassen sich einerseits queere Themen immer wieder in den Medien Taiwans platzieren, und die Presse nimmt beispielsweise zu Aktionen, HIV/AIDS-Aktivismus und westlichen Gay Pride Parades eine relativ liberale Einstellung ein, und diskutiert etwa auch Themen wie die Öffnung der Ehe für nicht gegengeschlechtliche Paare und berichtet wohlwollend über queere literarische Werke. In dieser Hinsicht scheinen die Medien also gesellschaftlichem Wandel und Offenheit positiv gegenüberzustehen. Andererseits finden sich aber auch, oftmals sogar in Publikationen desselben Verlages oder gar in einer anderen Ausgabe derselben Zeitung, sensationslustige Berichte, die Stereotype über queere Menschen fortschreiben und propagieren und Homosexualität lediglich in Bezug auf ausschweifende Sexualität diskutieren oder gar mit Kriminalität assoziieren.1

Dieses ambivalente Verhältnis zur Mainstreampresse ist auch ein Grund dafür, dass sich lesbische Aktivistinnen auch an Alternativen zu den Mainstream-Medien arbeiten und diverse eigene Publikationen und Magazine herausgeben, und das Internet immer stärker als unzensierten Ort nutzen, um Diskussion zu führen und Themen bearbeiten zu können.

Andere Orte der Diskrimierung

Neben den Medien, die im besten Fall ambivalent, oft eben aber auch offen homophob über Menschen berichten, die gegen die heterosexuelle Norm verstoßen, gibt es in Taiwan noch weitere Ebenen der Diskriminierung. Einerseits sind dies, wie bereits angeschnitten, Eltern, denen gegenüber sich die Kinder nur sehr selten outen (Geschwister oder Freunde werden häufiger und eher eingeweiht), und für die die Homosexualität eines Kindes ein großes Problem darstellt, bis hin zu Versuchen, die Person „heilen“ zu wollen, oder sie sogar zu verstoßen. Gleichzeitig herrscht in taiwanischen Familien, in denen vermutet wird, ein Familienmitglied könnte homosexuell sein, oftmals eine Nicht-Fragen-Nicht-Erzählen-Politik, also eine Art Ignorieren und Nicht-Wissen-Wollen.

Neben der Familie sind auch Schule und Arbeitsplatz Ort der Diskriminierung gegenüber Lesben, insofern als Schülerinnen relativ stark von ihren Lehrer_innen überwacht werden, und sie zwar einerseits zu ermutigt werden von Jungen fernzubleiben und Freundschaften mit anderen Mädchen zu knüpfen, jedoch andererseits Beziehungen, die verdächtigt werden über platonische Freundschaft hinauszugehen, den Eltern gemeldet werden und die entsprechenden Mädchen durch die Schule befragt werden. Die widersprüchliche Position von Schulen zu Freundschaften zwischen Mädchen spiegelt auch ein Ereignis aus dem Jahre 1994 wider: Als zwei Schülerinnen gemeinsam in einem Hotel Selbstmord begingen spekulierte die Presse darüber, ob diese eine homosexuelle Beziehung geführt hätten. Die Schule reagierte darauf, indem sie eine Broschüre veröffentlichte, in der sie behauptete „same-sex love“ sei keine Homosexualität, um so eine Trennlinie zwischen platonischer Freundschaft und Homosexualität zu ziehen; also eine als normale oder natürliche Beziehung zwischen zwei Mädchen gegen den Vorwurf der pathologischen Krankheit zu verteidigen.

Auch am Arbeitsplatz sehen sich ge-outete Lesben mit Mobbing und Diskriminierung konfrontiert, so dass sich die meisten dafür entscheiden, ihre sexuelle Orientierung geheimzuhalten.Und auch der Staat diskriminiert (erwartungsgemäß) queere Paare nach wie vor, indem er ihnen nicht die gleichen Rechte gewährt, wie sie für gegengeschlechtliche Paare selbstvertändlich sind, etwa die Möglichkeit Kinder zu adoptieren, sich gemeinsam versteuern zu lassen und dergleichen mehr. Allerdings hat die jetzige Regierung vor einigen Jahren eine Absichtserklärung verabschiedet, nach der die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet werden soll – allerdings ist es bislang auch bei dieser Absichterklärung geblieben.

  1. Sangs These in Bezug auf die Widersprüchlichkeit der medialen Diskussion von Homosexualität besagt, dass die Medien einen stark ausdifferenzierten Mark an potentiellen Kund_innen zu bedienen habe, und so versuche, Angebote für Menschen mit verschiedenen Weltbildern zu produzieren und zu verkaufen. [zurück]

Diskurse im maoistischen China und danach. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China [Fuenf]

[Eins] [Zwei] [Drei][Vier][Fuenf]

Mit der Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 verschwand Homosexualität faktisch aus dem öffentlichen Diskurs. Sang berichtet lediglich eine einzige Quelle aus der maoistischen Era gefunden zu habe, in der Homosexualität überhaupt erwähnt wird; und auch dort lediglich als Perversion – die Quelle stammt übrigens aus dem Jahre 1950.

Doch obwohl die Verwendung des Begriffs Homosexualität ein Tabu wurde, heißt das nicht, dass es damit keine homoerotischen Praktiken oder medialen Diskurse gegeben habe, die zumindest als solche gelesen werden konnten. So findet sich beispielsweise in Filmen, Plakaten etc. häufig die Darstellung schöner Körper, die oftmals Berührung oder Kontakt zwischen Menschen des gleichen genders miteinschließen. Desweiteren widmen sich einige Filme der Darstellung enger gleichgeschlechtlicher Freundschaftsbeziehungen, was durchaus, auch wenn es nicht auf diese Weise gemeint worden ist, als Darstellung homoerotischer Beziehungen interpretiert werden konnte und kann.

Auch aus autobiographischen Schriften wird deutlich, dass homoerotische Praktiken und Begehren sich durchaus auf verschiedene Weisen manifestierten, wenngleich Homosexualität als Tabubruch und Vergehen bewertet wurde. Denn obwohl sie quasi abwesend im Diskurs waren, zogen homoerotische Handlungen dennoch Strafen nach sich: In der frühen Phase der Volksrepublik wurden etwa Menschen, die beschuldigt waren, homoerotische Handlungen durchgeführt zu haben, dazu gezwungen, mit einem Schild durch die Straßen zu gehen, auf denen ein Symbol geschrieben war, dass sich aus dem chinesischen Zeichen für Frau, und dem für Mann zusammensetzte, was ausdrücken sollte, dass die Verurteilten weder Mann noch Frau seien. Im weiteren Verlauf bestand gar die Möglichkeit für die Straftat „Analverkehr zwischen Männern“ zu Arbeitslager verurteilt zu werden, während noch später Homosexuelle anhand des „Hooliganismus“-Paragraphen kriminalisiert wurden. Allerdings wurden diese Straftaten alle sämtlich nicht als Homosexualität definiert, sondern unter Begriffen wie „Sodomie“ oder „Gender Inversion“ verhandelt.

1973 tauchte der Begriff Homosexualität dann erstmals wieder auf, im offiziellen Wörterbuch der chinesischen Sprache, in der es als „psychologische Perversion“ definiert wurde. Ansätze einer öffentlichen Debatte über das Thema ergaben sich allerdings erst durch die Veröffentlichung verschiedener sexualkundlicher Werke (überhaupt war der Diskurs um Sexualität vor den 80ern weitgehend unterdrückt bzw. lediglich in Bahnen der Reproduktion für die Nation gelenkt worden), in denen die Definitionen von Homosexualität als psychologische Anomalie, Perversion, Geisteskrankheit und Inversion aus der vor-Mao-Era wieder aufgegriffen wurden.

Nichtsdestotrotz hat sich zumindest der offizielle (Experten-) Diskurs in den 90ern wesentlich gewandelt. So wurde das Konzept der sexuellen Orientierung eingeführt, und im Jahre 1994 wurde eine Erklärung von mehr als 50 Experten herausgegeben, die das Modell von Homosexualität als Krankheit verwarfen. 2001 strich dann auch die chinesische Psychiatrie-Gesellschaft Homosexualität aus ihrer Liste der Geisteskrankheiten.

Die unsichtbare Lesbe und Orte der Sichtbarkeit

Im chinesischen öffentlichen Diskurs, wie auch in der Forschung um Homosexualität scheinen Lesben weitgehend abwesend zu sein, während schwulen Männern zumindest ein wenig Raum eingestanden wird. Als Erklärung dafür stellen einige die Hypothese auf, dass dies dem Fakt geschuldet sei, dass sich bislang noch keine lesbische Szene herausgebildet habe, die vergleichbar mit westlichen Szenen wäre; andererseits gebe es eine schwule Bar und Cruising-Szene, die damit Bilder, die über Schwule im Westen bestehen reflektiert. Eine andere, und spannendere These über die diskursive Abwesenheit von Lesben, geht davon aus, dass enge und innige Beziehungen zwischen Frauen in China so alltäglich seien, dass die Distinktion zu lesbischer Identität verwischen, und sich aufgrund dessen noch kein Diskurs darum gebildet habe.
Unabhängig davon, was genau der Grund dafür ist, bleibt festzuhalten, dass Lesben kein Thema des öffentlichen Diskurses sind, was ambivalente Konsequenzen nach sich zieht: Einerseits bleiben sie als Gruppe weitgehend unsichtbar und haben somit keine Chance zur Selbstdarstellung. Andererseits sind sie in der Folge aber auch nicht in gleicher Weise einem homophoben und abwertenden Diskurs ausgeliefert, wie dies teilweise für schwule Männer der Fall ist.

Seit den 90ern bilden sich aber auch in Festlandchina lesbische Initiativen heraus, die besonders darum bemüht sind, Informationen zu verbreiten und Netzwerke zu knüpfen. Ebenfalls sind einige wichtige und viel diskutierte Romane erschienen, die sich mit weiblicher homoerotischer Liebe beschäftigen und diese positiv besetzen. Allerdings sehen sich auch diese literarischen Werke mit verschiedenen Herrschaftsverhältnissen konfrontiert: Zensur und die Schwierigkeit einen Verlag zu finden einerseits, wie auch voyeuristische Diskussionen der Werke und Abwertung durch Kritiker andererseits stellen reale Probleme für die Autorinnen dar. Nichtsdestotrotz hat sich, auch und besonders durch literarische Auseinandersetzung, eine Art Nische oder Raum gebildet, in dem weibliche Homosexualität verhandelt und diskutiert werden kann.

Literatur:
Tze-Ian D. Sang: The Emerging Lesbian – Female Same-Sex Desire in Modern China, 2003, The University of Chicago Press, S. 163 – 225.

Der Diskurs um Homosexualität im frühen Republikanischen China. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China. [Vier]

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Das Konzept der „romantischen Liebe“

Im frühen zwanzigsten Jahrhundert findet erstmals ein Diskurs über Homosexualität in China in medizinischen und anderen Zeitschriften statt. Dies ist damit zu erklären, dass in dieser Zeit europäische Abhandlungen aus den Bereichen Sexualkunde und Sexualstudien (teilweise über den Zwischenschritt Japan) ins Chinesische übersetzt und in Zeitschriften, Buchform oder auf Vorträgen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Im Vergleich zu späteren Epochen war dieser Diskurs eher ambivalent und die Bedeutung von Homosexualität wurde sogar recht kontrovers diskutiert.

Im frühen 20. Jahrhundert findet in China eine lebhafte Debatte über das Thema der „romantischen Liebe“ statt, die zu dieser Zeit gegenüber der konfuzianischen Tradition, die arrangierte Hochzeiten und Polygamie postulierte, stark gemacht wurde. Dies ist auch deshalb interessant, weil tatsächlich das Konzept der „romantischen Liebe“ (zwischen Mann und Frau) in verschiedenen Publikationen zur Debatte stand und die Notwendigkeit gegeben war, dieses überhaupt mit Inhalt zu füllen. Während einige die Auffassung vertraten, dass „romantische Liebe“ etwas qualitativ unterschiedliches zu anderen Formen von Beziehungen, wie z.B. Freundschaft darstellte, und diese idealisierten, zweifelten andere diesen Unterschied an, und wieder andere vertraten sogar die Auffassung, dass es so etwas wie „romantische Liebe“ überhaupt nicht gebe. Dieser Zusammenhang ist für den Diskurs über Homosexualität gleich in mehrfacher Hinsicht relevant. Einerseits ist bemerkenswert, dass als Begriffe für Homosexualität tongxing ai, tongxinglian´ai oder tongxinglian (alle bedeuten ungefähr gleich-geschlechtliches Liebe; tong = gleich, xing = gender) benutzt wurden, insofern lian´ai genau das neu eingeführte Konzept der romantischen Liebe bezeichnete; auch ai und lian tragen eine ähnliche Konnotation. Anstatt also Homosexualität lediglich als gleich-geschlechtliche Sexualität o.ä. zu bezeichnen wurde auf dieser Ebene Homosexualität mit der gegengeschlechtlichen „romantischen Liebe“ parallelisiert und eine Beziehung, die über das Körperliche hinausgeht unterstrichen.

Andererseits wurde jedoch in den 20er Jahren die Bedeutung des Begriffs der „romantischen Liebe“ diskursiv auf Beziehungen zwischen Mann und Frau weitgehend eingeschränkt und enge Beziehungen zwischen Menschen des gleichen Geschlechts auf den Begriff der Freundschaft reduziert. Nichtsdestotrotz wurde diese Auffassung jedoch von einigen Intellektuellen angegriffen, wie beispielsweise von Mao Yibo, in der Zeitschrift Xin nüxing (New Woman):

„If relationships of the same weight are called love when occurring between people of the opposite sex and friendship when occurring between people of the same sex, I think that such naming is not only unwise but also superfluous.“2

Damit tritt der Autor dieser Zeilen also nicht nur dafür ein, die Höherbewertung von heterosexueller Liebe gegenüber homosexueller aufzulösen, sondern stellt die Distinktion zwischen Freundschaft und Liebe überhaupt infrage.
Die Bedeutung der Konzepte von romantischer Liebe, Hetero- und Homosexualität waren also zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch durchaus umkämpft und nicht festgelegt. In diese Zeit fallen aber auch die ersten Übersetzungen westlicher Sexualwissenschaften ins Chinesische, die bleibende Auswirkung auf den Diskurs haben sollten.

Die Rezeption des westlichen Diskurses

Homosexualität wurde im republikanischen China anfangs nicht nur in medizinischen Fachzeitschriften und Handbüchern, sondern auch in verschiedenen Zeitschriften und Magazinen anhand von übersetzten Artikeln aus dem Westen diskutiert. Dabei war dieser Diskurs keineswegs homogen, sondern die Übersetzer machten den Leser_innen sowohl pathologisierende, homophobe Artikel, als auch Ansätze, die Homosexualität liberal gegenüberstanden, zugänglich.

1911 wird etwa in der Funü shibao (Women´s Times) ein Artikel mit dem Titel „Same-sex erotic love between women“ veröffentlicht, der sich auf verschiedene europäische Sexualwissenschaftler stützt, und der in doppelter Hinsicht interessant ist. Einerseits wird weibliche gleichgeschlechtliche Sexualität explizit verglichen und parallelisiert mit gleichgeschlechtlicher Liebe zwischen Männern (bzw. um genauer zu sein mit der Vorliebe von Männern für schöne Jünglinge). Dies ist insofern interessant, als in früheren Epochen gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen im Diskurs quasi nicht-existent war, während die Vorliebe von Männern für andere Männer eine offene und bekannte Tatsache war.
Auf der anderen Seite ist dieser Artikel insofern relevant, als er, als einer der ersten, die europäischen Erklärungs- (und Abwertungs-)Konzepte für homosexuelles Begehren einführt, die sowohl in Europa als auch China im folgenden wirkmächtig werden und bleiben sollten: es handele sich dabei um eine Inversion des Begehrens, eine Abnormalität, Krankheit und eine Perversion des Sexualtriebs.
Während also einerseits Begehren zwischen Frauen erstmals im Diskurs sichtbar gemacht, und sogar mit dem bis dahin nicht negativ konnotierten Konzept männlichen gleichgeschlechtlichen Begehrens verglichen wird, wird andererseits gleichzeitig homosexuelles Begehren abgewertet und pathologisiert.
Im weiteren Verlauf dieses Textes wird jedoch auch einschränkend behauptet, dass nicht jegliche Zuneigung zwischen Frauen auf eine „Inversion“ zurückzuführen sei, sondern eher oftmals der Grund darin zu suchen sei, dass in Mädchenschulen die Möglichkeit fehle, Bekanntschaften mit Jungen zu machen, und es sich daher eher um eine „Mode“ handle, die man einzuschränken habe, indem man den „moralischen Charakter“ der Mädchen kultiviere. Interessanterweise wird hier gleichgeschlechtliches Begehren eher auf äußere Umstände zurückgeführt, und nicht auf irgendeine innere Wahrheit, was möglicherweise auf die Subjektkonstruktion der chinesischen Tradition zurückzuführen ist, die das Subjekt nicht primär als autonomes, sondern relativ zu Umständen und Beziehungen begreift.

Eine weitere wichtige Auseinandersetzung fand in den Diskussionen des Werks von Edward Carpenter statt: Carpenter beschreibt die gleichgeschlechtlichen Beziehungen in Bildungsinsitutionen in England (wobei auch er eher männlichen einen „echteren“ und höheren Stellenwert einräumt als denen unter Frauen und Mädchen) und nimmt eine liberale, tolerante Einstellung dazu ein. In mehreren Artikeln werden im Republikanischen China die Beobachtung von Carpenter mit der Situation an chinesischen Bildungseinrichtungen verglichen, und verschiedenen Autoren nehmen dazu gegensätzliche Positionen ein. Während einige fordern, die gleichgeschlechtlichen Beziehungen (die einen offenes Geheimnis zu sein scheinen) zu tolerieren (und teilweise zu institutionalisieren), betrachten andere sie als ein Hindernis auf dem Weg zu einem „normalen“ verheirateten Leben und als Perversion.
Die Übersetzung eines Artikels aus Japan hingegen nimmt sogar eine affirmative Position zur Zuneigung zwischen Frauen ein und argumentiert, dass diese dazu führe, dass Schülerinnen sich den Charakter ihrer Lehrerinnen als Vorbild nehmen und so aufgrund von spiritueller Zuneingung quasi bessere Menschen würden.

Carpenter´s „The Homogenic Attachment“…

Im Jahre 1929 wurde Carpernter´s „The Homogenic Attachment“ als Übersetzung unter dem Titel „On same-sex romantic love“ in der Zeitschrift Xin nüxing veröffentlicht. In diesem Essay wird die Position vertreten, dass es sich bei gleichgeschlechtlicher Liebe nicht um eine (mentale) Krankheit handle, sondern sogar einige der wichtigsten Personen in der europäischen Geschichte homoerotische Neigungen gehabt haben. Zweitens sei es nicht möglich, und gleichermaßen nicht notwendig, homosexuelle Menschen in irgendeiner Form zu „heilen“, und drittens gebe es ein weites Spektrum von Menschen mit homosexuellem Begehren, von Menschen, die ausschließlich von Menschen des gleichen Geschlechts angezogen würden, bis hin zu solchen bei denen dies nur selten der Fall sei.
Außerdem vertritt Carpenter in seinem Essay auch die Auffassung, dass Sexualität vom Imperativ der Fortpflanzung befreit werden müsse, und dass stattdessen Gefühle und Beziehungen einen ihnen immanenten Wert haben. Dieser Artikel scheint auch in feministischen Kreisen Interesse und Zustimmung hervorgerufen zu haben, und scheint einer der wichtigsten pro-Homosexualitäts-Artikel seiner Zeit gewesen zu sein.

… und Havelock Ellis´ „The Psychology of Sex“

Laut Sang wurde der vorhergehende, ambivalente Diskurs durch das Werk „Xing xinli xue“ von Pan Guangdan aus dem Jahre 19461, einer Übersetzung von Havelock Ellis´ „The Psychology of Sex“ überschattet. Pan Guangdan scheint auch heute noch als einer der Pioniere der Sexualwissenschaften zu gelten, was wohl unter anderem auch auf die Qualität seiner Übersetzung (im Vergleich zu den vorher genannten Werken) und seinen eigenen Studien zu Homosexualität in China zu verdanken ist.
Pan gibt zwar ebenfalls zu, dass es weibliche gleichgeschlechtliche Liebe in chinesischen Schulen gegeben habe, aber er trivialisiert diese und spricht ihnen die Bedeutung ab. Außerdem betont auch er die Dichotomie von Normalität und Anormalität und vertritt ein Konzept der Inversion als Erklärung für Homosexualität. Allerdings versucht auch er offensichtliche Brüche zu glätten; so verwirft er zum Beispiel Ellis´ Erklärung der Homosexualität als Inversion in Hinsicht auf chinesische Männer, die eine Vorliebe für männliche Jugendliche haben, da diese (also die begehrenden, aktiven Männer) seiner Meinung nach ja keine Anzeichen von Verweiblichung aufweisen würden.

The meaning of it all

In den 20er Jahren findet also eine relativ starke, und vorher nicht gekannte Auseinandersetzung um weibliche Homosexualität in China statt, die besonders das Thema der Beziehungen in Schulen in den Mittelpunkt stellt, und so auch Diskussionen um die Veränderung der Bildungseinrichtungen zur Folge hat. Oftmals taucht dabei jedoch die Strategie auf, weibliche Homosexualität als eine Art Ersatzbefriedigung zu definieren, und als lediglich gespielte Beziehung aufzufassen (was impliziert, dass die Zuneigung zwischen Mann und Frau irgendwie „echt“ und nicht gespielt wäre“). Andererseits wird ihnen aber auch durch den vergleich mit männlicher Homosexualität implizit ein gewisses Maß an Relevanz zugemessen.
Insgesamt lässt sich aber sagen, dass in der frühen Auseinandersetzung um Homosexualität in China die Bedeutung noch umkämpft war und noch kein eindeutiger, einseitiger Diskurs bestanden hat. Einerseits taucht erstmals so etwas wie ein Bewusstsein um homosexuelle Identität auf, andererseits geht dies jedoch oftmals Hand in Hand mit homophoben und pathologisierenden Diskursfragementen. Diese negativen Konnotation scheinen dann jedoch im späteren Verlauf, besonders mit der Übersetzung von Ellis´ Werk die Überhand zu gewinnen.

  1. Sang überspringt hier in ihrem Werk eine Zeit von fast 20 Jahren, ohne kenntlich zu machen, warum sie dies tut. Aber ich vermute, dass dies mit dem Ausbruch des chinesischen Bürgerkriegs zu tun hat… [zurück]
  2. Mao Yibo, Zai lun xing´ai yu youyi, in: Xin nüxing 3, no 11 (1928), 1248-58. zitiert nach Sang (2003), S. 105. [zurück]

Dieser Beitrag ist Teil Zwei meiner Serie um Begehren zwischen Frauen im modernen China.
Teil: [Eins] [Zwei] [Drei] [Vier]

Literatur:
Tze-Ian D. Sang: The Emerging Lesbian – Female Same-Sex Desire in Modern China, 2003, The University of Chicago Press, S. 99 – 126.

Männliches gleichgeschlechtliches Begehren. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China [Drei]

[Eins] [Zwei] [Drei] [Vier]

Während für lesbische Frauen in China lange Zeit kein Identifikationspunkt innerhalb der chinesischen Kultur bestand, ist eine weit verbreitete Fantasie oder Vorstellung schwuler Männer, dass es in China eine lange schwule Tradition gebe.

Ganz so einfach, wie dies jedoch oftmals dargestellt wird, ist es aber natürlich nicht. Ja, es gab gleichgeschlechtliche Sexualität unter Männern in den verschiedenen (auch späten) Dynastien, und ja, diese wurde auch literarisch dokumentiert.

Allerdings gibt es starke Unterschiede in der Art und Weise, wie diese Sexualität rezipiert wurde. Einerseits war es zwar der Fall, dass der aktive, penetrierende Partner keinerlei sozialer Abwertung ausgesetzt war, sondern seine Vorliebe für Männer oder männliche Jugendliche sozial akzeptiert waren. Der passive Partner hingegen erfuhr sehr wohl ein gewisses Maß an Abwertung und seine Position als Penetrierter implizierte eine soziale Feminisierung. Dies war noch stärker der Fall, wenn es sich um eine erzwungene Penetration handelte, dies war mit einem besonders starken Stigma versehen. Im Gegensatz dazu war aber offensichtlich die aktive Rolle beim Sex mit einem anderen Mann in das zeitgenössische Konzept von Männlichkeit integriert.

Des weiteren waren diese Möglichkeiten auch an soziale Klasse und Status gebunden: Männer höherer Klasse oder mit einem gewissen Maß an Reichtum konnten es sich (im doppelten Sinne) leisten, männliche passive Liebhaber zu haben, während die passive Rolle sozial abgewertet und nur von Männern in schlechteren Berufsklassen (wie Dienern und Schauspielern) offen angenommen wurde.
Der Zusammenhang, dass offenbar zwischen dem Penetrierenden und dem Penetrierten so stark unterschieden wurde, macht deutlich dass es ein Konzept, das dem der Homosexualität oder des gleichgeschlechtlichen Begehrens, wie wir es kennen, nicht gegeben hat. Insofern ist also eine Projektion der Kategorie schwul in diese Epoche fehl am Platz.

Ein weiterer wichtiger Punkt, ist die Frage danach, wie der Fakt, dass ein Mann einen (oder mehrere) männliche Liebhaber hatte, in das Ehe-System und in die konfuzianische Tugendlehre eingebaut werden konnte.
Im Gegensatz zu (Frauen-begehrenden) Frauen, die sich dem Heiratssystem gänzlich unterordnen zu hatten (und lediglich darauf hoffen konnten eine Beziehung zu einer weiteren Frau innerhalb der Ehe einzugehen), gilt dies für Männer nicht in dem selben Maße. Zwar war auch für sie die Heirat die Norm, aber sie hatten die Möglichkeit, auch abseits von der Ehe Sex (sowohl mit anderen Frauen als auch mit Männern) zu haben, solange nur für Nachwuchs innerhalb der Ehe gesorgt war. Ihre Freiheiten waren also nicht vergleichbar mit denen von Frauen (die mehr oder weniger inexistent waren), wie auch von Männern aus niederen sozialen Schichten.

Klassen-, wie auch Gender-Differenzen spielten also eine große Rolle, was die Spielräume und Möglichkeiten verschiedener Menschen mit gleichgeschlechtlichem Begehren anging. Eine Geschichtspolitik heute darf also nicht den Fehler begehen, Homosexualität als Kategorie positiv in die Vergangenheit hinzu projizieren und sich unkritisch mit dieser zu identifizieren.

Dieser Beitrag ist Teil Drei meiner Serie um Begehren zwischen Frauen im modernen China.
Teil: [Eins] [Zwei] [Drei] [Vier]

Diskurse im späten Kaiserreich. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China [Zwei]

Teil [Eins] gibt es hier.

Seitdem Sexualstudien in ChinaAnfang des zwanzigsten Jahrhunderts vom Westen quasi importiert wurden, widmeten sich auch diverse Studien der Frage nach Homosexualität in China. Jedoch wurden darin (wie auch anderswo) weibliches gleichgeschlechtliches Begehren eher unterrepräsentiert – eine Marginalisierung in der Forschung, die die Marginalisierung, die die Repräsentation weiblicher gleichgeschlechtlicher Sexualität historisch erfahren hat gewissermaßen fortschreibt…

Unsichtbarkeit und die Frage der Toleranz

Die erste Auffälligkeit in der Suche nach Diskursen über weibliche gleichgeschlechtliche Sexualität ist der Fakt, dass diese in den damals als wichtig erachteten Literaturgattung schlichtweg nicht zu finden ist: Weder wurde diese von Gesetzen geregelt, noch wurde sie in den Lehren der chinesischen Medizin oder konfuzianischen Traktaten über Tugend überhaupt erwähnt. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass sowohl in der chinesischen Medizin, als auch in der Tugendlehre des Konfuzianismus streng genommen keine Form der Sexualität per se als schädlich betrachtet wird. Andererseits steht bei beiden jedoch der reproduktive Charakter des Sex stark im Vordergrund. Mit anderen Worten: solange Kinder gezeugt werden ist – zumindest fürs erste – alles in Ordnung. Auf der einen Seite haben wir es hier also mit einer gewissen Indifferenz wichtiger sozialer Institutionen gegenüber (weiblicher) gleichgeschlechtlicher Sexualität zu tun, andererseits stellt dies natürlich auch eine starke Form der Abwertung der selben dar: Schließlich ist sie genau deshalb irrelevant, weil kein Mann im Spiel ist.

Abgesehen von Pornographie – in der „lesbische“ Sexualität allerdings auch nur als Ersatz und Vorspiel zu „echtem“ Sex fungiert und in der Regel dorthin führt – finden sich Diskurse über weibliches gleichgeschlechtliches Begehren lediglich in verschiedenen Literaturgattung, die zu ihrer Zeit als unbedeutend angesehen wurden; dazu gehören Erzählungen, sogenannte Notizbücher, Dichtung von Frauen der Oberschicht, Erzählungen in Versform und Theaterstücke.

Westliche Forscher haben diese Unsichtbarkeit weiblicher gleichgeschlechtlichen Begehrens entweder darauf zurückgeführt, dass Frauen der damaligen Gesellschaft aufgrund spezifischer Rollenkonzepte überhaupt nicht die Möglichkeit hatten, sexuelle Kontakte zu anderen Frauen aufzunehmen, da sie in die private Sphäre der inneren Kammern der Häuser quasi eingesperrt waren. Ein anderes Argument lautet, dass es einfach ein hohes Maß an Toleranz gegenüber Sexualität zwischen Frauen gegeben habe, das darin begründet liegt, dass sich diese relativ einfach in das polygame Ehesystem habe integrieren lassen. Diese Argumente weisen jedoch gewisse Leerstellen auf, bzw. machen es sich viel zu einfach, indem sie Begehren zwischen Frauen als entweder nicht existent erklären oder auf eine angebliche Toleranz demgegenüber verweisen. Das erste Argument greift deshalb zu kurz, weil es die Möglichkeit aus dem Blick verliert, dass enge Beziehungen zwischen Frauen auch innerhalb der privaten Sphäre denkbar und möglich sind zwischen Dienerinnen, Verwandten etc. Das Postulieren einer Toleranz spricht auf der anderen Seite von einem männlich-heterosexuellen Standpunkt, der die Subjektivität der Frauen-begehrenden-Frauen völlig negiert: Toleranz nur solange, wie die Frauen auch weiterhin dem Mann als Ehefrauen und Sexobjekte zur Verfügung stehen.

Die Idee, das späte chinesische Kaiserreich wäre tolerant gegenüber Sexualität zwischen Frauen, muss auf dieser Grundlage also deutlich verworfen werden. Nichtsdestotrotz spielt die Frage nach Polygamie eine nicht zu unterschätzende Rolle zumindest in der Repräsentation von Beziehungen, die Frauen untereinander eingehen.
Im folgenden werden wir uns einige literarische Topoi anschauen, die sich mit der Repräsentation weiblicher gleichgeschlechtlicher Sexualität befassen:

Utopische Polygamie…

In verschiedenen Ming und Qing Texten taucht das Muster der Utopischen Polygamie auf, das nach folgender Logik funktioniert: Wenn Liebe zwischen zwei Frauen besteht, gibt es keine Eifersucht zwischen den beiden. Aus diesem Grund ist die Ehe, wenn sie beide mit dem selben Mann verheiratet sind glücklicher und harmonischer. Die ideale Ehe ist also eine in der sich alle drei Mitglieder gegenseitig begehren.
Allerdings sind die Werke, die dieses Topos bedienen nicht identisch in ihrer Aussage und ihren Implikationen, sondern stellen ein Spektrum oder Kontinuum dar: Auf der einen Seite dieses Spektrums stehen Werke in denen der Fokus auf gegengeschlechtlichem Begehren liegt, und der Beziehung der Frauen zueinander nur wenig Beachtung geschenkt wird. Auf der Seite gibt es jedoch auch Werke, die die Beziehung zweier Frauen zueinander in den Mittelpunkt stellen, und in denen die Frauen Polygamie als eine Art Ausweg betrachten. So existieren diverse Geschichten, in denen es einer Frau gelingt ihren Mann dazu zu überzeugen, eine andere Frau, zu der sie eine – wie auch immer genauer bestimmte – enge (Liebes-)Beziehung hat, als Zweitfrau zu heiraten, um ihrerseits mit dieser zusammen sein zu können.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei diesem Konzept natürlich um einen repressiven Diskurs gegenüber Frauen, durch den diese auf die Anforderungen der Männer zugerichtet werden sollen.
Paradoxerweise ist also ein System, das das Ersetzen von Eifersucht durch Zuneigung predigt, um damit letztlich dem Zwecke des Ehemanns zu dienen, nämlich einer harmonischen polygamen Ehe, gleichzeitig auch die Notlösung für Frauen die Frauen begehren.

Darüberhinaus wird damit außerdem potentiell allen Frauen (auch wenn dieser Begriff historisch natürlich nicht korrekt ist:) „Bisexualität“ aufgezwungen, insofern Männer-begehrende Frauen angehalten werden, bis zu einem gewissen Grad Zuneigung zur zweiten Frau ihres Mannes zu empfinden, während andererseits Frauen-begehrende Frauen weiterhin einem gesellschaftlichen Zwang unterworfen sind, dem Mann als Ehefrau und Sexobjekt zur Verfügung zu stehen.
Einer homophilen Frau stehen in der Folge nur die Optionen offen, eine solche polygame Notlösung einzugehen, ein religiöses Leben in einem Kloster zu wählen (wobei diese Option jedoch auch nicht immer offenstand, insofern dies für bestimmte Schichten nicht als angemessen betrachtet wurde) oder aber „self destruction“ (Sang) zu wählen.

…und darüber hinaus

Bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war es Frauen quasi unmöglich, das Heiraten abzulehnen. Nichtsdestotrotz finden sich aus der Zeit der 1920er Jahre in der feministischen Zeitung „Xin nüxing“ („New Woman“) Berichte über die Provinz Guangdong (oder auch Kanton), nach denen es dort zwei unterschiedliche Formen der Alternative zur Ehe gegeben habe: Die herausgezögerte Übergabe/oder Umzug nach der Hochzeit, sowie der Schwur Jungfer zu bleiben. Beides wurde in Guangdong laut diesen Berichten relativ häufig durchgeführt, und wird sogar von verschiedenen Zeremonien berichtet, die Frauen, die eine der oben genannten Alternativen für sich gewählt haben, miteinander eingehen konnten, um offizielle enge Beziehungen zu einer Freundin einzugehen. Nichtsdestotrotz stellen diese Formen eher lokale und historische Abweichungen von einem ansonsten universal wirkmächtigen Heiratssystem dar.

Im Gegensatz zu diesen lokalen Alternativen war das Eingehen einer Ehe für die meisten Frauen des spätkaiserlichen Chinas im wesentlichen alternativlos, was sich auch in den literarischen Werken widerspiegelt, in denen der Selbstmord oder Gruppenselbstmord von Frauen-begehrenden Frauen das Thema ist. Sang zitiert mehrere Geschichten, in denen die Protagonistin sich das Leben nimmt, als sie erfährt, dass ihre Freundin oder Geliebte an einen Mann verheiratet wird, oder sie selbst gezwungen ist, einen Mann zu heiraten.

Desweiteren wird Begehren zwischen Frauen von verschiedenen (männlichen) Autoren immer wieder und auf verschiedene Weisen lächerlich gemacht und als bloßer Ersatz für „echte“ gegengeschlechtliche Sexualität abgewertet (dieser Diskurs findet sich z.B. auch in der zeitgenössischen Pornograpfie). Besondere „Kreativität“ auf diesem Gebiet beweist eine Geschichte von Chang-hai Haogezi aus der Qing-Zeit:
Als ein Mädchen schwanger wird, bevor sie verheiratet ist, erfährt sie Ablehnung sowohl durch ihre eigene als auch durch die Familie ihres Verlobten, da sie ja offensichtlich ihre Jungfräulichkeit verloren habe. Sie wird jedoch durch Freundinnen verteidigt und in einer Untersuchung wird festgestellt, dass sie tatsächlich noch Jungfrau ist. Die „Wahrheit“ wird nach der Geburt aufgedeckt, als sich herausstellt, dass das, was sie geboren hat, zwar aussieht wie ein Kind, jedoch nur ein Hautsack ist, der völlig leer ist. Die Lösung ist folgende: Weil sie mit einer Freundin in einem Bett geschlafen hat und „so getan hat“ als hätte sie Geschlechtsverkehr mit dieser, wurde die schwanger. Aber da das ja kein echter Sex war, wurde auch das Ergebnis dieses „Pseudo-Sexes“ kein Kind, sondern etwas substanzloses. Nachdem die Sache dann geklärt wurde, war ihr Name wiede reingewaschen, sie heiratete und gebar echte, gesunde Kinder…
Impliziert sind damit also so einige Sachen: Sex zwischen Frauen ist unproduktiv, hat keine Substanz, ist nur ein unechter Ersatz für die echte Sache, was sogar soweit geht, dass es sogar von den Familien nicht als „Fremdgehen“ (also genau als echter Sex) kategorisiert wird. Außerdem stellt es nur eine Phase dar, die mit der Hochzeit beendet wird.

Literarische Selbstrepräsentation von Frauen

Während Begehren zwischen Frauen durch männliche Autoren abgewertet, lächerlich gemacht oder in das Konzept (männlich-)utopischer Polygamie integriert wurd, so gab es jedoch auch einige Frauen, die – innerhalb bestimmter Grenzen des Sagbaren – gleichgeschlechtliche Sexualität beschreiben. So lassen sich verschiedene Gedichte finden, in denen die Schönheit und Anmut einer Freundin beschrieben wird, jedoch immer mit Hilfe von Metaphern, um bestimmte Grenzen nicht zu überschreiten. Eine Dichterin des 19 Jahrhundert, Wu Zao, geht zum Beispiel sogar so weit in einem ihrer Gedichte sich selbst als Mann vorzustellen, der eine Frau begehrt.
Eine weitere Form stellen Cross-dress-Geschichte dar, in denen sich eine Frau in eine andere, als Mann gekleidete, Frau verliebt. Diese Muster werden jedoch am Ende immer wieder in das herrschende Gender-System zurückgeführt: Die Cross-Dresserin wechselt wieder in ihr „echtes“ Geschlecht und heiratet einen Mann. Sogar hier, wo also bestimmte Fantasien, Auswege und Alternativen zum hegemonialen System aufgezeigt werden, werden diese letztlich doch wieder normalisiert. Der endgültige Bruch mit dem herrschenden Geschlechternormen bleibt so aus, da er nicht ausgesprochen werden darf.
Dieser Zwang die abweichende Geschichte letztlich doch normalisieren zu müssen scheint sogar so weit zu gehen, dass Chen Duansheng, die Autorin eines der wichtigsten Cross-Dresser-Werkes, dieses (vermutlich) absichtlich unvollendet gelassen hat, da es kein sozial akzeptiertes Ende für dieses Werk gegeben hätte…

Dieser Beitrag ist Teil Zwei meiner Serie um Begehren zwischen Frauen im modernen China.
Teil: [Eins] [Zwei] [Drei] [Vier]

Literatur:
Tze-Ian D. Sang: The Emerging Lesbian – Female Same-Sex Desire in Modern China, 2003, The University of Chicago Press

„She… was a He“

Neulich saß ich mit taiwanischen Bekannten vor dem Fernseher, als plötzlich, völlig unvermittelt meine Bekannte auf die Mattscheibe zeigte, auf der gerade Werbung lief (von der ich natürlich kein Wort verstand), und sagte: „She… was a He.“

Und tatsächlich hat LiChing, die Moderatorin einer Tele-Shopping-Sendung im taiwanischen Fernsehen – auch bekannt als „Queen of Auction“ – sich vor mehr als drei Jahren als TransFrau geoutet. Trotz oder gerade wegen ihres Outing ist sie mittlerweile endgültig ein Celebrity in Taiwan, moderiert ihre eigene Talk-Show und ist verheiratet mit einem 14 Jahre jüngeren Mann.

Laut der South China Morning Post stellt ihr Outing mehrere Tabubrüche gegenüber der chinesischen Tradition dar (was uns vielleicht einen ersten Hinweis darauf geben kann, auf welchen Normen und Werten Diskurse um Transgender basieren und auf Grundlage welcher Vorstellungen TransMenschen abgewertet werden):

„Ms Li violated the core Confucian teaching that the greatest crime a man can commit is to leave no descendants. She also violated traditional taboos against „injuring“ the body her parents gave her and, as a woman, marrying a man significantly younger than herself.”1

Nichtsdestotroz scheint ihr Outing. LiChing’s Popularität keinen Abbruch getan zu haben, sondern ihr kommerzieller und gesellschaftlicher Erfolg hat sich sogar noch vergrößert. Der oben bereits zitierte Artikel der South China Morning Post stellt hierzu die These auf, dass dies wesentlich damit zu tun hat, dass LiChings Geschichte von verschiedenen Generationen von TaiwanerInnen jeweils als eine andere From von Erfolgsgeschichte rezipiert wird:

“For people born in the late 1950s or 1960s, she is a heroine for a nation of serial entrepreneurs who believe that success despite repeated failure is just around the corner if you can just believe enough in yourself to make other people believe in you, too.
But for people born in the 1970s and especially the 1980s, success is defined less in financial terms and more in terms of self-realisation. As a transgender person, Ms Li is a particularly powerful symbol of personal transformation achieved by discovering one’s true self.”2

Inwiefern dies für alle (oder auch nur einen Gro?teil der) Menschen in Taiwan gilt und inwiefern vielleicht doch auch diskriminierende und transphobe Diskurse in Medien und Öffentlichkeit im Anschluss an LiChings Outing präsent waren, lässt sich fuer mich aufgrund mangelnder Quellen von hier aus leider nicht feststellen.

Festzuhalten bleiben, denke ich, aber dennoch einige Punkte: Als (populäre) TransFrau scheint es in Taiwan durchaus möglich zu sein, in einem Medium wie dem Fernsehen Erfolg zu haben (zumindest, sofern diese Person vor ihrem Outing bereits bekannt, beliebt und erfolgreich ist), und zumindest einen gewissen Status von Normalität darum herzustellen. Gleichzeitig bleibt natürlich wiederum zu befürchten, dass Akzeptanz bzw. Toleranz gegenüber als Anders markierten Personen (hier: TransGender) abhängig bleibt von Erfolg bzw. Leistung. Ein TransMensch, der nicht in der glücklichen Position ist, ein Celebrity zu sein, wird auch hier Diskriminierung und Abwertung im öffentlichen und beruflichen Leben anders erfahren und über andere Möglichkeiten des Umgangs damit verfuegen, als dies fuer LiChing der Fall gewesen ist.

Offen bleibt vorerst für mich auch die Frage inwiefern LiChing’s Outing das in Taiwan vorherrschende gender-system destabilisieren kann, bzw. ob und wie ihr Überschreiten der Grenzen der Geschlechterkategorien in den Diskursen um Geschlecht und Sexualität normalisiert werden kann… (dazu hoffentlich irgendwann spaeter mehr).

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http://www.chinapost.com.tw/taiwan/detail.asp?ID=48948&GRP=B
http://ai.eecs.umich.edu/people/conway/TSsuccesses/Liching/SCMP.html
http://www.planetout.com/news/article.html?2004/05/21/4
http://ai.eecs.umich.edu/people/conway/TSsuccesses/Liching/Liching_photos.html

  1. http://ai.eecs.umich.edu/people/conway/TSsuccesses/Liching/SCMP.html
    South China Morning Post, 09.02.06; [zurück]
  2. ebd. [zurück]

bù means bù means No

In Linienbussen in Taipei sind im hinteren Bereich LCD-Monitore installiert, auf denen mehr oder weniger penetrant Werbung, Kino-Trailer, kurze Cartoons und allerlei anderer Schund laufen.

Heute allerdings bin ich direkt auf zwei interessante Kurzclips im Bus gestoßen: Der erste war ein kurzer Spot mit dem Slogan „No Human Rights, No Beijing 2008“, der wohl auf eine Veranstaltung hinwies, die Menschrechtsverletzungen in Festlandchina kritisiert, und sich dafür die Olympischen Sommerspiele, die dort im nächsten Jahr stattfinden, zum Anlass nimmt. Sicherlich nicht die dümmste Idee, obwohl solche Initiativen in Taiwan natürlich immer mit besonderer Vorsicht genossen werden müssen, insbesondere dann, wenn man nicht weiß, wer dahintersteckt.

Viel interessanter, und auch überraschender war jedoch ein anderer Clip, der dort heute über den Monitor flimmerte: Zu sehen waren in schwarz-weiß und schnellen Schnitten mehrere Frauen (auch durchaus unterschiedlichen Alters), die in die Kamera bu (nein), bu yao (ich will nicht), oder auch no sagten oder mit ihren Haenden eindeutig „stop“ bzw. „nein“ signalisierten. Am Ende des Clips war dann auf Chinesisch (soweit reichen selbst meine rudimentären Chinesich-Kenntnisse) zu lesen „Bu“ bedeutet Bu. Also: „No“ means No.

Eine „No means No“-Kampagne im öffentlichen Nahverkehr also. Und auch wenn diese sich zwar im Programm zwischen sexistischer Werbung und anderem Müll wiederfindet, sicherlich eine unterstützenswerte Idee.

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Update 1: der No-means-No-Clip wurde übrigens auch im Kino zwischen den Trailern gezeigt.

Update 2: …und heute flimmerte der Clip sogar über die große Videoleinwand in XimenDing, einem der wichtigsten Einkaufsbezirke Taipeis…

Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren im modernen China. [Eins]

Während sich im chinesischsprachigen Raum die schwule Szene oftmals positiv auf die Geschichte Chinas bezieht, und in unterschiedlichen „homosexuellen“ Praxen, die in der Literatur um die chinesischen Dynastien auftreten einen Identifikationspunkt sieht (ob dies zu Recht geschieht, wird später noch ausführlich diskutiert werden), scheint ein solcher Identifikationspunkt weitgehend für die lesbische Szene zu fehlen. Weibliche Homosexualität scheint es auf den ersten Blick in der chinesischen Tradition nicht gegeben zu haben …

In einer etwas ausführlicheren Artikelserie werde ich mich der Geschichte und dem öffentlichen Bild weiblicher (wie auch teilweise männlicher) gleichgeschlechtlicher Liebe im modernen China widmen und einen Blick darauf werfen, wie sich das Bild gleichgeschlechtlicher Liebe in den vergangenen Hundert-plus Jahren verändert hat.
Den ersten Teil oder das Vorwort dieser Artikelserie habt ihr gerade vor Euch, den Rest gibt es dann in unterschiedlich großen Häppchen innerhalb der nächsten Tage.

Mich auf (Gesamt-)China zu beziehen halte ich deshalb für sinnvoll, weil ich glaube, dass Taiwan nach wie vor stark in einer von China geprägten Tradition steht, und dass sich daher die Geschichte der Diskurse hier ganz ähnlich verhalten sollte, als dies auf dem Festland der Fall ist. Nichtsdestotroz: Behaltet im Hinterkopf, dass es hier erstmal nicht spezifisch um Taiwan, sondern eben um Gesamtchina geht.

Stützen tue ich mich dabei auf das (großartige) Buch „The Emerging Lesbian – Female Same Sex Desire in Modern China“ von Tze-Ian D. Sang1. In dieser Arbeit untersucht Sang literarische, aber auch einige andere historische chinesische Quellentexte, um dem Diskurs um weibliche gleichgeschlechtliche Sexualität auf die Spuren zu kommen.

Sang betont in ihrem Vorwort, dass sie nicht davon ausgeht, dass es einen chinesischen Diskurs gibt, der losgelöst von Einflüssen (nicht nur aber auch) z.B. des Westens betrachtet werden kann, dass es aber ebenfalls nicht darum gehen kann, sich lediglich auf die Suche nach Gleichheiten und Unterschiedlichkeiten zwischen dem euroamerikanischen und dem chinesischen Diskurs zu machen. Im Gegenteil gilt es den Fokus auf das historisch-spezifische zu verschieben und herauszuarbeiten, wie sich bestimmte diskursive Stränge verändert haben, und wie auch Einflüsse des Westens nicht einfach eins-zu-eins übertragen, sondern in den chinesischen Kontext übersetzt wurden.

Desweiteren gehe ich mit Sang darin konform, dass es sehr problematisch wäre den Begriff „lesbisch“ für Epochen zu verwenden, in denen es diesen Begriff weder gegeben hat, noch er adäquat wäre anzuwenden. Der Begriff Lesbe geht ja gerade über Akte und Begehren hinaus, und impliziert eine bestimmte Form von Selbstidentifikation und Praxis, die so in den Epochen, die hier behandelt werden nicht denkbar war. Es kann also nicht darum gehen, „Lesben“ aus der chinesischen Geschichte heraus- (oder auch in sie hinein-) zu lesen, sondern darum, das diskursive Bild oder auch die Unsichtbarkeit, wie auch die Handlunsspielräume gleichgeschlechtlicher Zuneigung zwischen Frauen herauszuarbeiten. Daher werde ich mit Sang auch weiterhin die etwas holprigen Begriffe „gleichgeschlechtliche Zuneigung/Affektion/Körperlichkeit zwischen Frauen“ o.ä. verwenden.2

Getting started

Der Ausgangspunkt von Sangs Arbeit ist gleichermaßen anschaulich, wie spannend. Wir sehen uns konfrontiert mit einer Abbildung aus dem Frauenmagazin Meiyu aus dem Jahre 1914. Unter der Überschrift „Chinese beauties´ activities of leisure“ findet sich neben drei vollkommen unauffälligen und unverdächtigen Bildern (etwa einer lesenden jungen Frau), auch folgendes Bild3:

Die Beschreibung, die sich auf dieses Bild bezieht lautet: „An uninterupted chat“. Das Bild zweier junger Frauen, die sich im Arm halten und in die Augen schauen, eine Pose, die wir heute eindeutig spontan mit einem romantischen Paar assoziieren würden, scheint also im China des frühen 20. Jahrhunderts keinen Shock-Effekt hervorgerufen zu haben, sondern konnte als ganz alltägliche Praxis junger Frauen in einem Mainstream-Magazin abgebildet werden. Die Frage ist also, warum dies der Fall ist, bzw. warum das selbe Bild im damaligen Diskurs offensichtlich grundsätzlich andere Assoziationen hervorgerufen haben muss.
War körperliche Zuneigung oder gar Sexualität zwischen Frauen etwa toleriert? Oder wurde körperliche Nähe zwischen Frauen einfach überhaupt nicht als sexuell rezipiert? Und falls doch wurde ihm ein anderer Stellenwert zugebilligt, als dies heute der Fall ist? Wie kam es dazu, dass dieses Bild im Laufe des letzten Jahrhunderts ganz offensichtlich einen Bedeutungswandel durchgemacht hat, und wie verhält sich der Diskurs um weibliche gleichgeschlechtliche Liebe zu dem um männliche?

Diesen und weiteren spannenden Fragen werde ich dann in den nächsten Artikeln nachgehen…
Teil [Eins] [Zwei] [Drei] [Vier]

  1. Tze-Ian D. Sang: The Emerging Lesbian – Female Same-Sex Desire in Modern China, 2003, The University of Chicago Press. [zurück]
  2. Dabei bin ich mir sehr wohl bewusst, dass auch die Begriffe Frau, Geschlecht, gleichgeschlechtlich etc. soziale Konstrukte sind und keine überhistorische Gültigkeit besitzen. So wie ich sie hier verwende, sollen sie daher keinen essentialistischen Kern o.ä. bezeichnen, sondern sind selbst gewissermaßen Zitate, da sie Konzepte bezeichnen die einerseits schon damals weitgehend bestanden, und andererseits ja genau die Analyseobjekte darstellen, die von dieser Artikelserie beleuchtet werden sollen. [zurück]
  3. Vgl. Sang (2003), S. 3. [zurück]

Ferngesehen: Razzia bei Party

Neulich haben wir (um uns über den nächsen Taifun zu informieren) ein wenig ferngesehen, und sind dabei auf dem Nachrichtenkanal auf zwei kurze Beiträge gestoßen, die (leider) im Zusammenhang des Themas dieses blogs relevant sind.

Während der Nachrichten wurde zuerst über eine Polizeirazzia gegen eine schwule Party berichtet bei der, wie ich heute in der (KMT-nahen) Tageszeitung China Post lesen musste 43 Leute verhaftet wurden. Rechtfertigung für die Razzia war der Verdacht, auf dieser Party würden Drogen konsumiert.

Ein zweiter Bericht, der direkt auf diesen ersten Beitrag folgte und ziemlich unmittelbar an ihn anschloss (für mich war im ersten Moment überhaupt nicht ersichtlich, dass ein neuer Beitrag angefangen hatte) berichtete darüber, dass von einem Aktivisten in Taipei ein Tempel für homosexuelle Menschen gegründet worden sei, um auch queeren Menschen einen Ort zu geben, an dem sie beten könnten, ohne einen Teil ihrer Persönlichkeit verstecken zu müssen.
Diese Berichte bedürfen meiner Einschätzung nach aus mehrerlei Gründen einer näheren Betrachtung.

Zwangsouting und Voyeurismus

Ein erster wichtiger Punkt, ist der Fakt, dass im Beitrag über die Polizeirazzia vom Kamerateam versucht wurde, die Teilnehmer der Party, die auf dem Fußboden der Wohnung zusammengekauert saßen, abzufilmen was von diesen durch Verstecken ihrer Gesichter versucht wurde abzuwehren. Auf Seiten der Medien scheint dies pure Sensationslust zu sein, gekoppelt an die Hoffnung einen als schwul und kriminell eingeordneten Mann vor die Kamera zu bekommen. Für die Betroffenen stellt dieser massenmediale Voyeurismus jedoch ein reelles Risiko dar, da sie Gefahr laufen zwangsgeoutet zu werden, und infolge dessen Sanktionen von Arbeitgeber und Familie zu erfahren.

The message behind the (so-called) news

Darüberhinaus wirft diese Nachrichtensendung nun natürlich die Frage auf, was mit diesen Beiträgen eigentlich transportiert wird, und welche Assoziationen damit geweckt werden (sollen). Die erste Frage, die sich mir hier stellt ist, warum überhaupt über eine Razzia aufgrund von Drogenverdachts (unabhängig davon, ob sich dieser bestätigt oder nicht) berichtet wird1, und zweitens und viel wichtiger, warum dabei unbedingt betont werden muss, dass es sich bei der Party, um eine Party von als schwul identifizierten Menschen handelte. Und genau das ist der kritische Punkt: Implizit soll hier Homosexualität mit Drogenkonsum identifiziert und diese Verbindung bei der Zuschauer_in hervorgerufen werden. Über als „normale“ klassifizierte Geschäftsleute, die gemeinsam Drogen einwerfen, würde vermutlich nicht in dieser Weise berichtet. Es wird also über den Vorwurf des Drogenkonsums eine bereits marginalisierte und als abweichend kategorisierte Gruppe von Menschen weiter kriminalisiert und in der öffentlichen Darstellung negativ markiert.

Auf dieser Basis der Darstellung schließt dann der bereits erwähnte zweite Bericht an, der die Gründung des queeren Tempels zum Thema hatte. Ein Bericht, der für sich genommen erstmal keine negative Message über queere Menschen austrägt, wird jedoch im Zusammenhang mit dem vorangegangenen Bericht über die Drogenrazzia vermutlich durchaus anders rezipiert, als es der Fall gewesen wäre, wäre er einzeln ausgestrahlt worden: die konservative Zuschauer_in wird im schlimmsten Falle ihre negativen Assoziationen über queere Menschen, die ihr gerade über die Identifizierung Homosexualität-Drogenkonsum bestätigt wurden, direkt auf den nächsten Beitrag übertragen, wodurch das Anliegen, einen religiösen Ort für queere Menschen zu schaffen sofort delegitimiert wird.

Desweiteren stellt sich mir hier auch die (zugegeben sehr spekulative) Frage, ob es reiner Zufall sein kann, dass ausgerechnet an jenem einen Sonntag zwei Beiträge zu Homosexualität in der Nachrichtensendung anstanden, oder ob es nicht vielleicht wahrscheinlicher ist, dass genau die oben beschriebene Wirkung erzielt werden sollte, und man zu diesem Zwecke den Beitrag über den queeren Tempel nicht vielleicht schon seit zwei Wochen in der Schublade liegen hatte, um ihn dann pünktlich zur nächsten Razzia mitauszustrahlen…. aber, wie gesagt, darüber lässt sich nur spekulieren…

  1. Und hier ist denke ich auch die Frage berechtigt, wie es der Presse überhaupt möglich ist, mit einem Kamerateam während der Verhaftung in (!) der Wohnung zu filmen… Da scheint es ganz offensichtlich einen guten Draht von der Polizei zur Presse zu geben… [zurück]