Tai – What?! Part One.

Für all diejenigen unter euch, die Taiwan gerne mit Thailand verwechseln oder auch sonst noch nie etwas von dieser kleinen Insel gehört haben, sei es mir erlaubt hier als Einstieg eine sehr kurze Zusammenfassung der (neueren) Geschichte Taiwans zu geben:

Yuánzhùmín, frühe chinesische Immigration und eine Geschichte der Kolonisation

Die Insel Taiwan liegt vor der Südostküste Festlandchinas, misst gerade einmal 150km mal 400km und verfügt über eine Population von ungefähr 23 Millionen Menschen. Die offizielle Landessprache ist chinesisch und die Hauptstadt ist TaiPei.
Bis ins 11. Jahrhundert wurde Taiwan quasi ausschließlich von verschiedenen Ureinwohner-Gesellschaften bewohnt (chin.: Yuánzhùmín = „die ursprünglichen Bewohner“), deren Sprachen mit dem malayischen, indonesischen und anderen austronesischen Sprachen verwandt waren und sind.
Seit etwa dem 12. Jahrhundert immigrierten Chinesen, besonders aus der Provinz Fujian, nach Taiwan, und diese Immigration setzte sich auch unter den wechselnden Herrschern über Taiwan in den nächsten Jahrhunderten fort, so dass heute die Nachkommen dieser frühen chinesischen Einwanderer die Mehrheitsgesellschaft in Taiwan ausmachen. Auch das heutige „taiwanisch“, die Sprache die, auch wenn sie nicht offizielle Landessprache ist, doch von einem Großteil der Einwohner_innen neben dem mandarin-chinesisch gesprochen wird, ist eine Variante des Fujian-Dialekts.
Im 17. Jahrhundert befand sich Taiwan unter niederländischer Herrschaft, und auch Spanien versuchte auf Taiwan Fuß zu fassen und errichtete in dieser Zeit ein Fort im Norden Taiwans. Diese wurden jedoch relativ bald von niederländischen Kräften wieder aus Taiwan vertrieben.
1662 endete jedoch auch die holländische Kolonisation Taiwans, als die chinesische Ming-Dynastie diese durch eine Belagerung zum Rückzug zwang. Im Jahre 1683 ging Taiwan dann an die Qing-Dynastie über, die anschließend rund 200 Jahre über Taiwan herrschte.

1895 – 1945: Taiwan unter japanischer Herrschaft

Nach 200 Jahren unter chinesischem Einfluss wurde Taiwan am Ende des ersten chinesisch-japanischen Krieges dann an Japan abgetreten. Die Japaner setzten japanisch als offizielle Sprache durch, wiesen den Schulkindern japanische Namen zu und übten insgesamt einen starken Einfluss auf die Gesellschaft aus. Auch kämpften „Taiwaner“ auf Seiten der Japaner im zweiten Weltkrieg.
Selbst heute noch sind besonders Angehörige der unter japanischer Herrschaft aufgewachsenen Generation stark durch diese geprägt, beherrschen japanisch und taiwanisch, statt, wie es heute eher die Regel ist, taiwanisch und chinesisch, etc.

„Rückgabe“ Taiwans an China, 228-Massaker und Republik China auf Taiwan

Nach Ende des zweiten Weltkrieges wurde Taiwan wiederum an das nationalistische China unter Chiang Kai-shek übergeben, während auf dem chinesischen Festland der Bürgerkrieg zwischen den Mao-Kommunist_innen und Nationalist_innen wieder entbrannte. Damit stand Taiwan unter Herrschaft der Kuomintang (KMT), der nationalistischen Partei Chinas, und relativ bald entwickelte sich eine allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dieser, insbesondere aufgrund der wirtschaflichen Lage, die sich immer weiter verschlechterte. Vor diesem Hintergrund kam es am 28. Februar 1947 und in den folgenden Tagen und Wochen zum sogenannten 2/28-Massaker: Nachdem eine (Schwarzmarkt-)Händlerin in TaiPei von Polizisten kontrolliert und zusammengeschlagen wurde, versammelten sich Menschenmengen um die Aufklärung dieses Vorfalls einzufordern und gegen die Regierung zu protestieren. Diese Demonstration wurde jedoch mit Waffengewalt niedergeschlagen und mindestens eine Person erschossen. In den nächsten Tagen und Wochen kam es dann in ganz Taiwan zu, teils bewaffneten, Aufständen, und in einigen Regionen gelang es sogar Ansätze von Selbstverwaltung zu installieren. Die Regierung verhängte in Antwort darauf das Kriegsrecht und konnte letztlich mit Truppenverstärkung vom Festland die Kontrolle über die Insel an sich reißen. In den folgenden Jahren des „weißen Terrors“ wurden nach heutigen Schätzungen bis zu 30.000 Menschen durch die Regierungstruppen ermordet; das Kriegsrecht wurde erst 1987 (!) wieder aufgehoben.
Im Jahre 1949 unterlag die KMT auf dem Festland endgültig den Maoist_innen, und die KMT flüchtete mit rund 2 Mio. Anhängern und Soldaten (sowie quasi dem gesamten Goldvorrat Chinas und anderen Wertgegenständen) nach Taiwan, um dort weiterhin die „Republik China“ aufrechtzuerhalten, während auf dem Festland die Volksrepublik ausgerufen wurde. Beide Staaten hielten (und halten mit Einschränkungen) bis heute daran fest, dass es nur ein China gebe, und erkennen folglich den jeweils anderen Staat nicht als solchen an. Daraus folgt auch, dass andere Staaten zu jeweils nur einem der beiden chinesischen Staaten offizielle Beziehungen besitzen.
Chinesisch wurde wieder als offizielle Sprache durchgesetzt und es wurde besonderer Wert darauf gelegt, chinesische Kultur und Geschichte in der Schule starkzumachen. Wie bereits angedeutet wurde Taiwan bis 1987 als Quasidiktatur regiert, und das Kriegsrecht wurde erst 1987 wieder aufgehoben.

Aufhebung des Kriegsrechts und Liberalisierung

Ab Mitte der 80er Jahre kam es in Taiwan zu Liberalisierungen, die in die Legalisierung der Oppositionspartei DPP (Democratic Progressive Party) 1986 und schließlich der Aufhebung des Kriegsrechts 1987 mündeten (über die genauen Gründe für diese Liberalisierung bin ich mir leider auch nicht im Klaren. Bei sämtlichen Quellen zur Geschichte Taiwans, die ich bisher gelesen habe, taucht dieser Vorgang relativ unvermittelt und unkommentiert als Faktum auf; eine Rolle gespielt haben dürften jedoch der Druck von Oppositionellen innerhalb Taiwans, sowie das Bekanntwerden von Menschenrechtsverletzungen durch die KMT und der damit verbundene (internationale) Verlust von Ansehen…).
Im Jahre 1996 fanden dann die ersten direkten Präsidentschaftswahlen statt, und nach den Wahlen von 2000 ist mit Chen Shui-bien (DPP), der auch bei den Wahlen von 2004 bestätigt wurde, erstmals ein Präsident im Amt, der nicht der KMT angehört.