Terminologie und Aneignung

Sprache ist Macht. Und auch die sprachliche Repräsentation von abweichender sexueller Praxis oder Identität ist natürlich ein umkämpftes Pflaster. Im Englischen wie auch im Deutschen wurden Begriffe für Menschen mit abweichender Sexualität, die ursprünglich beleidigenden oder diffamierenden Charakter hatten (wie „schwul“, „homo“, „gay“ oder „queer“) durche queere Bewegungen oder Szenen angeeignet und als positive Selbstbezeichnung übernommen.
Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem chinesischen Begriff für lesbisch/schwul, nur dass hier die Aneignung sogar noch einen Schritt weitergeht, insofern ein Begriff, der eigentlich aus einem anderen Kontext kommt, angeeignet und für die eigene Selbstbeschreibung umgedeutet wurde:
Bis in die frühen 90er wurde allgemein der Begriff tongxinglian für queere Menschen verwendet, was wörtlich so viel bedeutet, wie Gleiches-Geschlecht-Liebe, bzw. Homosexualität.

tongxinglian = Homosexualität

Seit etwa 1992 hat sich jedoch in Abgrenzung zu dieser, als pahologisierend wahrgenommenen Bezeichung der Begriff tongzhi für lesbisch/schwul (und darüberhinaus auch trans-, bi-, etc.) im chinesischsprachigen Raum durchgesetzt. Diese Aneignung hat insofern eine besondere Sprengkraft, als der Begriff ursprünglich soviel wie „Kamerad“ oder „Genosse“ bedeutet und die Standardanrede sowohl der chinesischen KP als auch der KMT (also der chinesischen Nationalisten) ist.1
Zurückzuführen ist die Aneignung genau dieses Begriffs auf den Fakt, dass die erste Silbe (und damit das erste Zeichen) von tongxinglian, dieselbe ist wie in tongzhi, und so viel bedeutet wie „gleich“.

tongzhi = Kamerad; schwul/lesbisch

Ein weiterer Begriff, der jedoch eher im kritischen akademischen Diskurs und weniger in der Szene und Bewegung eine Rolle spielt, ist ku’er, was die lautmalerische Übertragung des englischen Begriffs queer ins Chinesische ist.

ku‘er = queer

Interessant an diesem Begriff ist besonders, dass er die poststrukturalistische Impetus des Begriffs queer sowie den Anspruch Geschlecht zu dekonstruieren miteinschließt. Anders als der Begriff queer im euroamerikanischen Raum versteht sich ku´er jedoch nicht primär als ein Begrff zur Abgrenzung von Identitätspolitik vorangegangener LesBiSchwuler Bewegungen. Dies ist ganz einfach dem Fakt geschuldet, dass der Begriff ku´er zeitlich bereits sehr kurz (eine Quelle spricht hier von ca. zwei Jahren) nach dem Begriff tongzhi im Diskurs auftauchte.

  1. als Begriff für Lesbe wird von der queeren Community in Taiwan der Begriff nütongzhi verwendet, also „weiblich-tonzhi“.
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1 Antwort auf “Terminologie und Aneignung”


  1. 1 queerintaiwan 20. September 2007 um 14:01 Uhr

    Ergaenzung: Wie es scheint wird tongzhi, wenn es akademisch oder von Aktivist_innen gebraucht wird, tatsaechlich als ein offener Begriff verwendet, der neben LesBiSchwulen auch Transgender, S/M er_innen, solidarischen Heterosexuellen, die Heteronormativitaet kritisch gegenueberstehen und andere miteinschlieszt. In dieser hinsicht scheint er dem Begriff queer sehr aehnlich zu sein.
    Nichtsdestotrotz wird der Begriff im alltaeglichen Gebrauch eher so verstanden als bezeichne er lediglich Homosexuelle. Menschen, die auf andere Weise von der heterosexuellen Norm abweichen benutzen den Begriff tonzhi fuer sich in abgewandelter Form:
    shuangxing‘lian tongzhi (bisexuelle_r)
    banzhuang tongzhi (drag queen)
    Schwule Maenner hingegen werden einfach als tonzhi gezeichnet, seltener auch nan tongzhi (maennlicher tongzhi). Lesben heiszen nü tongzhi (weibliche tongzhi).

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