Overview

Dieser Artikel versucht euch einen groben Überblick zu geben über queere Bewegungen, Organisationen und Formen der Selbstdarstellung seit den 80er Jahren.
Einige Themen, Filme, literarische Werke etc. werde ich dann in späteren Artikeln nochmals näher beleuchten.

Vom Underground in die politische Sphäre

Wie wir bereits wissen, befand sich Taiwan noch bis 1987 unter Kriegsrecht, und die politische Opposition wurde unterdrückt. Insofern ist es nicht überraschend, dass wir zu dieser Zeit keine politischen Organisationen antreffen, oder diese zumindest nicht öffentlich auftreten. Nichtsdestotrotz gab es seit den frühen 80ern in Taiwan verschiedene Underground-Bars von und für Homosexuelle; die ersten rein lesbischen Bars entstanden etwas später. Im Jahre 1986 trat das Thema Homosexualität erstmals in der Öffentlichkeit an prominenter Stelle auf, als sich ein HIV/AIDS-Aktivist gegenüber den Medien outete. Die erste offizielle und öffentliche Lesben- oder Schwulenorganisation gründete sich jedoch erst 1990.

Waren die 80er noch eher vom Undergrounddasein LesBiSchwuler Menschen sowie auch dem Einfluss des Feminismus auf erste Ansätze queerer Organisation bzw. dem Hervorgehen letzterer aus ersterem geprägt, so erzielten queere politische Organisationen in den 90ern vergleichsweise große Fortschritte und viel geriet in Bewegung.

Nachdem sich 1990 die Lesbenorganisation „Between Us“ gegründet hatte, entstand 1993 mit Gay Chat die erste studentische Schwulenorganisation am Campus der National Taiwan University in Taipei; in der Folge gründeten sich ähnliche Gruppen an Universitäten in ganz Taiwan. Im Dezember desselben Jahres wurde mit Ai bao die erste lesbische (und insgesamt erste queere) nicht-Underground Zeitung gegründet, und ebenfalls 1993 gründete sich an der National Taiwan University die erste offizielle lesbische Studentenorganisation Lambda Society. Darüber hinaus fand in jenem Jahre die Konferenz des Asian Lesbian Network in Taiwan statt, mit Teilnehmerinnen aus dem gesamten südasiatischen Raum, Australien und den USA.
Auch dem Internet kommt in Taiwan ein hoher Stellenwert zu, insofern es, nachdem es Mitte der 90er zugänglich wurde, dazu beitrug eine vorgestellte oder virtuelle queere Community zu erzeugen und jene Community auf diese Weise eben auch Menschen zugänglich wurde, die abseits der großen Städte lebten und damit keine Möglichkeit hatten in eine lokale Szene involviert zu sein.

1994 eröffnete mit Nüshudian (Fembooks) ein feministischer Buchladen in Taipei, bis der erste (und nach wie vor einzige) explizit schwulesbische Buchladen GinGin in Taiwan eröffnete, dauerte es allerdings noch bis zum Jahre 1999.
In die frühen 90er fallen auch die ersten Auftritte der verschiedenen queeren Organisationen auf einer größeren politischen Bühne: 1993 traf sich eine Koalition aus verschiedenen Organisationen mit der Legislative Yuan (also der gesetzgebenden Kammer Taiwans), um über den gesetzlichen Schutz der Grundrechte homosexueller Menschen zu beraten und 1996 versuchte eine Gruppe namens Tongzhi Space Alliance die Umstrukturierung des New Parks (heute: 228-Peace Park) in Taipei, der ein wichtiger Treff- und Cruisingpunkt der schwulen Szene war und noch immer ist, zu verhindern.

Mitte der 90er Jahre gab es Koalitionen queerer Gruppen mit organisierten Sexarbeiter_innen, die gegen gesetzliche Einschränkungen sowie Schikanen durch Polizei und Medien protestierten, als 1997 im Rahmen einer Kampagne gegen „Obszönität“ die Arbeit der lizensierten Sexarbeiter_innen illegalisiert wurde.

Neben der Auseinandersetzung um die Öffnung der Ehe für nicht-gegengeschlechtliche Paare ist heute (leider) auch nach wie vor die Auseinandersetzung mit diversen homophoben Diskursen ein Feld, das von queeren Bewegungen angegangen wird.
Seit 2003 wird in Taipei jährlich die Taiwan Pride abgehalten, eine Parade/Demonstration queerer Menschen, die vergleichbar (wenn auch in einigen Punkten durchaus unterschiedlich) mit den GayPrides bzw. CSDs in Europa und Amerika ist.

Desweiteren hat sich neben den verschiedenen politischen Organisation und Gruppen sowie Subkulturen auch ein akademischer Diskurs um Gender-/Queer-Studies gebildet, mit diversen Publikationen (leider fast ausschließlich auf chinesisch), regelmäßigen Konferenzen und internationalen Verflechtungen…

tongzhi wenxue und tongzhi dianying – Queere Literatur und Queeres Kino

Neben den explizit politischen Organisationen und Kämpfen sowie dem akademischen Diskurs spielen auch Filme und insbesondere Literatur für die tongzhi-Community eine große Rolle (worauf ich noch in einigen Aritkeln später genauer eingehen werde) und Werke mit queeren Themen wurden selbst im gesellschaftlichen Mainstream breit rezipiert:
So gewannen etwa die Werke der queeren Autor_innen Chu Tíen-wen („Notes of a Desolate Man“, 1994), Qiu Miao-jin („The Crocodile´s Journal“, 1995) oder Chi Tawei („The Membranes“, 95) um nur einige zu nennen verschiedene Buchpreise in Taiwan, und es bildete sich in den 1990ern nicht nur gewissermaßen ein Kanon an queerer Literatur, sondern darüber hinaus eine queere Leser_innenschaft, die sich auch als solche verstand und versteht, heraus. Bereits Ende der 70er/ Anfang der 80er wurde jedoch besonders durch das Werk von Pai Hsien-yung, insbesondere für eine schwule Leser_innenschaft, der Grundstein für diese spätere, erstarkte queere Literatur geschaffen; das bekannteste Buch dieses Autors ist „Crystal Boys“, das bereits 1983 erschien und Anfang der 90er ins Englische übersetzt wurde.

Darüberhinaus wurde das Thema Homosexualität ebenfalls in verschiedenen Filmen verarbeitet, sowohl Independentfilmen, als auch solchen, die großen (teilweise: weltweiten) Erfolg hatten und haben. Als ersten wichtigen Meilenstein ist auf diesem Gebiet der Film „The Wedding Banquet“ von 1993 des taiwanischen Regisseurs Ang Lee zu nennen, in dem es um einen nach New York migrierten taiwanischen Schwulen geht, der eine Hochzeit mit einer Frau vortäuscht. Ang Lee führte darüberhinaus (abgesehen von anderen kommerziell erfolgreichen Filmen wie „Crouching Tiger, Hidden Dragon“) ebenfalls Regie beim vielfach ausgezeichneten Hollywoodfilm „Brokeback Mountain“ im Jahre 2005. Ein wichtiger lesbischer Film ist gerade in diesem Jahr erschienen und erhielt einen Preis beim Berliner Filmfestival: der Film „Spider Lillies“ der taiwanischen Regisseurin Zero Chou.
Über diesen Film, wie auch über „The Wedding Banquet“ werdet ihr in Kürze an gleicher Stelle noch etwas mehr lesen können….

Vgl. auch: Fran Martin, Angelwings, Contemporary Queer Fiction from Taiwan, 2003, University of Hawaii Press.