Ferngesehen: Razzia bei Party

Neulich haben wir (um uns über den nächsen Taifun zu informieren) ein wenig ferngesehen, und sind dabei auf dem Nachrichtenkanal auf zwei kurze Beiträge gestoßen, die (leider) im Zusammenhang des Themas dieses blogs relevant sind.

Während der Nachrichten wurde zuerst über eine Polizeirazzia gegen eine schwule Party berichtet bei der, wie ich heute in der (KMT-nahen) Tageszeitung China Post lesen musste 43 Leute verhaftet wurden. Rechtfertigung für die Razzia war der Verdacht, auf dieser Party würden Drogen konsumiert.

Ein zweiter Bericht, der direkt auf diesen ersten Beitrag folgte und ziemlich unmittelbar an ihn anschloss (für mich war im ersten Moment überhaupt nicht ersichtlich, dass ein neuer Beitrag angefangen hatte) berichtete darüber, dass von einem Aktivisten in Taipei ein Tempel für homosexuelle Menschen gegründet worden sei, um auch queeren Menschen einen Ort zu geben, an dem sie beten könnten, ohne einen Teil ihrer Persönlichkeit verstecken zu müssen.
Diese Berichte bedürfen meiner Einschätzung nach aus mehrerlei Gründen einer näheren Betrachtung.

Zwangsouting und Voyeurismus

Ein erster wichtiger Punkt, ist der Fakt, dass im Beitrag über die Polizeirazzia vom Kamerateam versucht wurde, die Teilnehmer der Party, die auf dem Fußboden der Wohnung zusammengekauert saßen, abzufilmen was von diesen durch Verstecken ihrer Gesichter versucht wurde abzuwehren. Auf Seiten der Medien scheint dies pure Sensationslust zu sein, gekoppelt an die Hoffnung einen als schwul und kriminell eingeordneten Mann vor die Kamera zu bekommen. Für die Betroffenen stellt dieser massenmediale Voyeurismus jedoch ein reelles Risiko dar, da sie Gefahr laufen zwangsgeoutet zu werden, und infolge dessen Sanktionen von Arbeitgeber und Familie zu erfahren.

The message behind the (so-called) news

Darüberhinaus wirft diese Nachrichtensendung nun natürlich die Frage auf, was mit diesen Beiträgen eigentlich transportiert wird, und welche Assoziationen damit geweckt werden (sollen). Die erste Frage, die sich mir hier stellt ist, warum überhaupt über eine Razzia aufgrund von Drogenverdachts (unabhängig davon, ob sich dieser bestätigt oder nicht) berichtet wird1, und zweitens und viel wichtiger, warum dabei unbedingt betont werden muss, dass es sich bei der Party, um eine Party von als schwul identifizierten Menschen handelte. Und genau das ist der kritische Punkt: Implizit soll hier Homosexualität mit Drogenkonsum identifiziert und diese Verbindung bei der Zuschauer_in hervorgerufen werden. Über als „normale“ klassifizierte Geschäftsleute, die gemeinsam Drogen einwerfen, würde vermutlich nicht in dieser Weise berichtet. Es wird also über den Vorwurf des Drogenkonsums eine bereits marginalisierte und als abweichend kategorisierte Gruppe von Menschen weiter kriminalisiert und in der öffentlichen Darstellung negativ markiert.

Auf dieser Basis der Darstellung schließt dann der bereits erwähnte zweite Bericht an, der die Gründung des queeren Tempels zum Thema hatte. Ein Bericht, der für sich genommen erstmal keine negative Message über queere Menschen austrägt, wird jedoch im Zusammenhang mit dem vorangegangenen Bericht über die Drogenrazzia vermutlich durchaus anders rezipiert, als es der Fall gewesen wäre, wäre er einzeln ausgestrahlt worden: die konservative Zuschauer_in wird im schlimmsten Falle ihre negativen Assoziationen über queere Menschen, die ihr gerade über die Identifizierung Homosexualität-Drogenkonsum bestätigt wurden, direkt auf den nächsten Beitrag übertragen, wodurch das Anliegen, einen religiösen Ort für queere Menschen zu schaffen sofort delegitimiert wird.

Desweiteren stellt sich mir hier auch die (zugegeben sehr spekulative) Frage, ob es reiner Zufall sein kann, dass ausgerechnet an jenem einen Sonntag zwei Beiträge zu Homosexualität in der Nachrichtensendung anstanden, oder ob es nicht vielleicht wahrscheinlicher ist, dass genau die oben beschriebene Wirkung erzielt werden sollte, und man zu diesem Zwecke den Beitrag über den queeren Tempel nicht vielleicht schon seit zwei Wochen in der Schublade liegen hatte, um ihn dann pünktlich zur nächsten Razzia mitauszustrahlen…. aber, wie gesagt, darüber lässt sich nur spekulieren…

  1. Und hier ist denke ich auch die Frage berechtigt, wie es der Presse überhaupt möglich ist, mit einem Kamerateam während der Verhaftung in (!) der Wohnung zu filmen… Da scheint es ganz offensichtlich einen guten Draht von der Polizei zur Presse zu geben… [zurück]