Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren im modernen China. [Eins]

Während sich im chinesischsprachigen Raum die schwule Szene oftmals positiv auf die Geschichte Chinas bezieht, und in unterschiedlichen „homosexuellen“ Praxen, die in der Literatur um die chinesischen Dynastien auftreten einen Identifikationspunkt sieht (ob dies zu Recht geschieht, wird später noch ausführlich diskutiert werden), scheint ein solcher Identifikationspunkt weitgehend für die lesbische Szene zu fehlen. Weibliche Homosexualität scheint es auf den ersten Blick in der chinesischen Tradition nicht gegeben zu haben …

In einer etwas ausführlicheren Artikelserie werde ich mich der Geschichte und dem öffentlichen Bild weiblicher (wie auch teilweise männlicher) gleichgeschlechtlicher Liebe im modernen China widmen und einen Blick darauf werfen, wie sich das Bild gleichgeschlechtlicher Liebe in den vergangenen Hundert-plus Jahren verändert hat.
Den ersten Teil oder das Vorwort dieser Artikelserie habt ihr gerade vor Euch, den Rest gibt es dann in unterschiedlich großen Häppchen innerhalb der nächsten Tage.

Mich auf (Gesamt-)China zu beziehen halte ich deshalb für sinnvoll, weil ich glaube, dass Taiwan nach wie vor stark in einer von China geprägten Tradition steht, und dass sich daher die Geschichte der Diskurse hier ganz ähnlich verhalten sollte, als dies auf dem Festland der Fall ist. Nichtsdestotroz: Behaltet im Hinterkopf, dass es hier erstmal nicht spezifisch um Taiwan, sondern eben um Gesamtchina geht.

Stützen tue ich mich dabei auf das (großartige) Buch „The Emerging Lesbian – Female Same Sex Desire in Modern China“ von Tze-Ian D. Sang1. In dieser Arbeit untersucht Sang literarische, aber auch einige andere historische chinesische Quellentexte, um dem Diskurs um weibliche gleichgeschlechtliche Sexualität auf die Spuren zu kommen.

Sang betont in ihrem Vorwort, dass sie nicht davon ausgeht, dass es einen chinesischen Diskurs gibt, der losgelöst von Einflüssen (nicht nur aber auch) z.B. des Westens betrachtet werden kann, dass es aber ebenfalls nicht darum gehen kann, sich lediglich auf die Suche nach Gleichheiten und Unterschiedlichkeiten zwischen dem euroamerikanischen und dem chinesischen Diskurs zu machen. Im Gegenteil gilt es den Fokus auf das historisch-spezifische zu verschieben und herauszuarbeiten, wie sich bestimmte diskursive Stränge verändert haben, und wie auch Einflüsse des Westens nicht einfach eins-zu-eins übertragen, sondern in den chinesischen Kontext übersetzt wurden.

Desweiteren gehe ich mit Sang darin konform, dass es sehr problematisch wäre den Begriff „lesbisch“ für Epochen zu verwenden, in denen es diesen Begriff weder gegeben hat, noch er adäquat wäre anzuwenden. Der Begriff Lesbe geht ja gerade über Akte und Begehren hinaus, und impliziert eine bestimmte Form von Selbstidentifikation und Praxis, die so in den Epochen, die hier behandelt werden nicht denkbar war. Es kann also nicht darum gehen, „Lesben“ aus der chinesischen Geschichte heraus- (oder auch in sie hinein-) zu lesen, sondern darum, das diskursive Bild oder auch die Unsichtbarkeit, wie auch die Handlunsspielräume gleichgeschlechtlicher Zuneigung zwischen Frauen herauszuarbeiten. Daher werde ich mit Sang auch weiterhin die etwas holprigen Begriffe „gleichgeschlechtliche Zuneigung/Affektion/Körperlichkeit zwischen Frauen“ o.ä. verwenden.2

Getting started

Der Ausgangspunkt von Sangs Arbeit ist gleichermaßen anschaulich, wie spannend. Wir sehen uns konfrontiert mit einer Abbildung aus dem Frauenmagazin Meiyu aus dem Jahre 1914. Unter der Überschrift „Chinese beauties´ activities of leisure“ findet sich neben drei vollkommen unauffälligen und unverdächtigen Bildern (etwa einer lesenden jungen Frau), auch folgendes Bild3:

Die Beschreibung, die sich auf dieses Bild bezieht lautet: „An uninterupted chat“. Das Bild zweier junger Frauen, die sich im Arm halten und in die Augen schauen, eine Pose, die wir heute eindeutig spontan mit einem romantischen Paar assoziieren würden, scheint also im China des frühen 20. Jahrhunderts keinen Shock-Effekt hervorgerufen zu haben, sondern konnte als ganz alltägliche Praxis junger Frauen in einem Mainstream-Magazin abgebildet werden. Die Frage ist also, warum dies der Fall ist, bzw. warum das selbe Bild im damaligen Diskurs offensichtlich grundsätzlich andere Assoziationen hervorgerufen haben muss.
War körperliche Zuneigung oder gar Sexualität zwischen Frauen etwa toleriert? Oder wurde körperliche Nähe zwischen Frauen einfach überhaupt nicht als sexuell rezipiert? Und falls doch wurde ihm ein anderer Stellenwert zugebilligt, als dies heute der Fall ist? Wie kam es dazu, dass dieses Bild im Laufe des letzten Jahrhunderts ganz offensichtlich einen Bedeutungswandel durchgemacht hat, und wie verhält sich der Diskurs um weibliche gleichgeschlechtliche Liebe zu dem um männliche?

Diesen und weiteren spannenden Fragen werde ich dann in den nächsten Artikeln nachgehen…
Teil [Eins] [Zwei] [Drei] [Vier]

  1. Tze-Ian D. Sang: The Emerging Lesbian – Female Same-Sex Desire in Modern China, 2003, The University of Chicago Press. [zurück]
  2. Dabei bin ich mir sehr wohl bewusst, dass auch die Begriffe Frau, Geschlecht, gleichgeschlechtlich etc. soziale Konstrukte sind und keine überhistorische Gültigkeit besitzen. So wie ich sie hier verwende, sollen sie daher keinen essentialistischen Kern o.ä. bezeichnen, sondern sind selbst gewissermaßen Zitate, da sie Konzepte bezeichnen die einerseits schon damals weitgehend bestanden, und andererseits ja genau die Analyseobjekte darstellen, die von dieser Artikelserie beleuchtet werden sollen. [zurück]
  3. Vgl. Sang (2003), S. 3. [zurück]