„She… was a He“

Neulich saß ich mit taiwanischen Bekannten vor dem Fernseher, als plötzlich, völlig unvermittelt meine Bekannte auf die Mattscheibe zeigte, auf der gerade Werbung lief (von der ich natürlich kein Wort verstand), und sagte: „She… was a He.“

Und tatsächlich hat LiChing, die Moderatorin einer Tele-Shopping-Sendung im taiwanischen Fernsehen – auch bekannt als „Queen of Auction“ – sich vor mehr als drei Jahren als TransFrau geoutet. Trotz oder gerade wegen ihres Outing ist sie mittlerweile endgültig ein Celebrity in Taiwan, moderiert ihre eigene Talk-Show und ist verheiratet mit einem 14 Jahre jüngeren Mann.

Laut der South China Morning Post stellt ihr Outing mehrere Tabubrüche gegenüber der chinesischen Tradition dar (was uns vielleicht einen ersten Hinweis darauf geben kann, auf welchen Normen und Werten Diskurse um Transgender basieren und auf Grundlage welcher Vorstellungen TransMenschen abgewertet werden):

„Ms Li violated the core Confucian teaching that the greatest crime a man can commit is to leave no descendants. She also violated traditional taboos against „injuring“ the body her parents gave her and, as a woman, marrying a man significantly younger than herself.”1

Nichtsdestotroz scheint ihr Outing. LiChing’s Popularität keinen Abbruch getan zu haben, sondern ihr kommerzieller und gesellschaftlicher Erfolg hat sich sogar noch vergrößert. Der oben bereits zitierte Artikel der South China Morning Post stellt hierzu die These auf, dass dies wesentlich damit zu tun hat, dass LiChings Geschichte von verschiedenen Generationen von TaiwanerInnen jeweils als eine andere From von Erfolgsgeschichte rezipiert wird:

“For people born in the late 1950s or 1960s, she is a heroine for a nation of serial entrepreneurs who believe that success despite repeated failure is just around the corner if you can just believe enough in yourself to make other people believe in you, too.
But for people born in the 1970s and especially the 1980s, success is defined less in financial terms and more in terms of self-realisation. As a transgender person, Ms Li is a particularly powerful symbol of personal transformation achieved by discovering one’s true self.”2

Inwiefern dies für alle (oder auch nur einen Gro?teil der) Menschen in Taiwan gilt und inwiefern vielleicht doch auch diskriminierende und transphobe Diskurse in Medien und Öffentlichkeit im Anschluss an LiChings Outing präsent waren, lässt sich fuer mich aufgrund mangelnder Quellen von hier aus leider nicht feststellen.

Festzuhalten bleiben, denke ich, aber dennoch einige Punkte: Als (populäre) TransFrau scheint es in Taiwan durchaus möglich zu sein, in einem Medium wie dem Fernsehen Erfolg zu haben (zumindest, sofern diese Person vor ihrem Outing bereits bekannt, beliebt und erfolgreich ist), und zumindest einen gewissen Status von Normalität darum herzustellen. Gleichzeitig bleibt natürlich wiederum zu befürchten, dass Akzeptanz bzw. Toleranz gegenüber als Anders markierten Personen (hier: TransGender) abhängig bleibt von Erfolg bzw. Leistung. Ein TransMensch, der nicht in der glücklichen Position ist, ein Celebrity zu sein, wird auch hier Diskriminierung und Abwertung im öffentlichen und beruflichen Leben anders erfahren und über andere Möglichkeiten des Umgangs damit verfuegen, als dies fuer LiChing der Fall gewesen ist.

Offen bleibt vorerst für mich auch die Frage inwiefern LiChing’s Outing das in Taiwan vorherrschende gender-system destabilisieren kann, bzw. ob und wie ihr Überschreiten der Grenzen der Geschlechterkategorien in den Diskursen um Geschlecht und Sexualität normalisiert werden kann… (dazu hoffentlich irgendwann spaeter mehr).

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http://www.chinapost.com.tw/taiwan/detail.asp?ID=48948&GRP=B
http://ai.eecs.umich.edu/people/conway/TSsuccesses/Liching/SCMP.html
http://www.planetout.com/news/article.html?2004/05/21/4
http://ai.eecs.umich.edu/people/conway/TSsuccesses/Liching/Liching_photos.html

  1. http://ai.eecs.umich.edu/people/conway/TSsuccesses/Liching/SCMP.html
    South China Morning Post, 09.02.06; [zurück]
  2. ebd. [zurück]