Diskurse im späten Kaiserreich. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China [Zwei]

Teil [Eins] gibt es hier.

Seitdem Sexualstudien in ChinaAnfang des zwanzigsten Jahrhunderts vom Westen quasi importiert wurden, widmeten sich auch diverse Studien der Frage nach Homosexualität in China. Jedoch wurden darin (wie auch anderswo) weibliches gleichgeschlechtliches Begehren eher unterrepräsentiert – eine Marginalisierung in der Forschung, die die Marginalisierung, die die Repräsentation weiblicher gleichgeschlechtlicher Sexualität historisch erfahren hat gewissermaßen fortschreibt…

Unsichtbarkeit und die Frage der Toleranz

Die erste Auffälligkeit in der Suche nach Diskursen über weibliche gleichgeschlechtliche Sexualität ist der Fakt, dass diese in den damals als wichtig erachteten Literaturgattung schlichtweg nicht zu finden ist: Weder wurde diese von Gesetzen geregelt, noch wurde sie in den Lehren der chinesischen Medizin oder konfuzianischen Traktaten über Tugend überhaupt erwähnt. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass sowohl in der chinesischen Medizin, als auch in der Tugendlehre des Konfuzianismus streng genommen keine Form der Sexualität per se als schädlich betrachtet wird. Andererseits steht bei beiden jedoch der reproduktive Charakter des Sex stark im Vordergrund. Mit anderen Worten: solange Kinder gezeugt werden ist – zumindest fürs erste – alles in Ordnung. Auf der einen Seite haben wir es hier also mit einer gewissen Indifferenz wichtiger sozialer Institutionen gegenüber (weiblicher) gleichgeschlechtlicher Sexualität zu tun, andererseits stellt dies natürlich auch eine starke Form der Abwertung der selben dar: Schließlich ist sie genau deshalb irrelevant, weil kein Mann im Spiel ist.

Abgesehen von Pornographie – in der „lesbische“ Sexualität allerdings auch nur als Ersatz und Vorspiel zu „echtem“ Sex fungiert und in der Regel dorthin führt – finden sich Diskurse über weibliches gleichgeschlechtliches Begehren lediglich in verschiedenen Literaturgattung, die zu ihrer Zeit als unbedeutend angesehen wurden; dazu gehören Erzählungen, sogenannte Notizbücher, Dichtung von Frauen der Oberschicht, Erzählungen in Versform und Theaterstücke.

Westliche Forscher haben diese Unsichtbarkeit weiblicher gleichgeschlechtlichen Begehrens entweder darauf zurückgeführt, dass Frauen der damaligen Gesellschaft aufgrund spezifischer Rollenkonzepte überhaupt nicht die Möglichkeit hatten, sexuelle Kontakte zu anderen Frauen aufzunehmen, da sie in die private Sphäre der inneren Kammern der Häuser quasi eingesperrt waren. Ein anderes Argument lautet, dass es einfach ein hohes Maß an Toleranz gegenüber Sexualität zwischen Frauen gegeben habe, das darin begründet liegt, dass sich diese relativ einfach in das polygame Ehesystem habe integrieren lassen. Diese Argumente weisen jedoch gewisse Leerstellen auf, bzw. machen es sich viel zu einfach, indem sie Begehren zwischen Frauen als entweder nicht existent erklären oder auf eine angebliche Toleranz demgegenüber verweisen. Das erste Argument greift deshalb zu kurz, weil es die Möglichkeit aus dem Blick verliert, dass enge Beziehungen zwischen Frauen auch innerhalb der privaten Sphäre denkbar und möglich sind zwischen Dienerinnen, Verwandten etc. Das Postulieren einer Toleranz spricht auf der anderen Seite von einem männlich-heterosexuellen Standpunkt, der die Subjektivität der Frauen-begehrenden-Frauen völlig negiert: Toleranz nur solange, wie die Frauen auch weiterhin dem Mann als Ehefrauen und Sexobjekte zur Verfügung stehen.

Die Idee, das späte chinesische Kaiserreich wäre tolerant gegenüber Sexualität zwischen Frauen, muss auf dieser Grundlage also deutlich verworfen werden. Nichtsdestotrotz spielt die Frage nach Polygamie eine nicht zu unterschätzende Rolle zumindest in der Repräsentation von Beziehungen, die Frauen untereinander eingehen.
Im folgenden werden wir uns einige literarische Topoi anschauen, die sich mit der Repräsentation weiblicher gleichgeschlechtlicher Sexualität befassen:

Utopische Polygamie…

In verschiedenen Ming und Qing Texten taucht das Muster der Utopischen Polygamie auf, das nach folgender Logik funktioniert: Wenn Liebe zwischen zwei Frauen besteht, gibt es keine Eifersucht zwischen den beiden. Aus diesem Grund ist die Ehe, wenn sie beide mit dem selben Mann verheiratet sind glücklicher und harmonischer. Die ideale Ehe ist also eine in der sich alle drei Mitglieder gegenseitig begehren.
Allerdings sind die Werke, die dieses Topos bedienen nicht identisch in ihrer Aussage und ihren Implikationen, sondern stellen ein Spektrum oder Kontinuum dar: Auf der einen Seite dieses Spektrums stehen Werke in denen der Fokus auf gegengeschlechtlichem Begehren liegt, und der Beziehung der Frauen zueinander nur wenig Beachtung geschenkt wird. Auf der Seite gibt es jedoch auch Werke, die die Beziehung zweier Frauen zueinander in den Mittelpunkt stellen, und in denen die Frauen Polygamie als eine Art Ausweg betrachten. So existieren diverse Geschichten, in denen es einer Frau gelingt ihren Mann dazu zu überzeugen, eine andere Frau, zu der sie eine – wie auch immer genauer bestimmte – enge (Liebes-)Beziehung hat, als Zweitfrau zu heiraten, um ihrerseits mit dieser zusammen sein zu können.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei diesem Konzept natürlich um einen repressiven Diskurs gegenüber Frauen, durch den diese auf die Anforderungen der Männer zugerichtet werden sollen.
Paradoxerweise ist also ein System, das das Ersetzen von Eifersucht durch Zuneigung predigt, um damit letztlich dem Zwecke des Ehemanns zu dienen, nämlich einer harmonischen polygamen Ehe, gleichzeitig auch die Notlösung für Frauen die Frauen begehren.

Darüberhinaus wird damit außerdem potentiell allen Frauen (auch wenn dieser Begriff historisch natürlich nicht korrekt ist:) „Bisexualität“ aufgezwungen, insofern Männer-begehrende Frauen angehalten werden, bis zu einem gewissen Grad Zuneigung zur zweiten Frau ihres Mannes zu empfinden, während andererseits Frauen-begehrende Frauen weiterhin einem gesellschaftlichen Zwang unterworfen sind, dem Mann als Ehefrau und Sexobjekt zur Verfügung zu stehen.
Einer homophilen Frau stehen in der Folge nur die Optionen offen, eine solche polygame Notlösung einzugehen, ein religiöses Leben in einem Kloster zu wählen (wobei diese Option jedoch auch nicht immer offenstand, insofern dies für bestimmte Schichten nicht als angemessen betrachtet wurde) oder aber „self destruction“ (Sang) zu wählen.

…und darüber hinaus

Bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war es Frauen quasi unmöglich, das Heiraten abzulehnen. Nichtsdestotrotz finden sich aus der Zeit der 1920er Jahre in der feministischen Zeitung „Xin nüxing“ („New Woman“) Berichte über die Provinz Guangdong (oder auch Kanton), nach denen es dort zwei unterschiedliche Formen der Alternative zur Ehe gegeben habe: Die herausgezögerte Übergabe/oder Umzug nach der Hochzeit, sowie der Schwur Jungfer zu bleiben. Beides wurde in Guangdong laut diesen Berichten relativ häufig durchgeführt, und wird sogar von verschiedenen Zeremonien berichtet, die Frauen, die eine der oben genannten Alternativen für sich gewählt haben, miteinander eingehen konnten, um offizielle enge Beziehungen zu einer Freundin einzugehen. Nichtsdestotrotz stellen diese Formen eher lokale und historische Abweichungen von einem ansonsten universal wirkmächtigen Heiratssystem dar.

Im Gegensatz zu diesen lokalen Alternativen war das Eingehen einer Ehe für die meisten Frauen des spätkaiserlichen Chinas im wesentlichen alternativlos, was sich auch in den literarischen Werken widerspiegelt, in denen der Selbstmord oder Gruppenselbstmord von Frauen-begehrenden Frauen das Thema ist. Sang zitiert mehrere Geschichten, in denen die Protagonistin sich das Leben nimmt, als sie erfährt, dass ihre Freundin oder Geliebte an einen Mann verheiratet wird, oder sie selbst gezwungen ist, einen Mann zu heiraten.

Desweiteren wird Begehren zwischen Frauen von verschiedenen (männlichen) Autoren immer wieder und auf verschiedene Weisen lächerlich gemacht und als bloßer Ersatz für „echte“ gegengeschlechtliche Sexualität abgewertet (dieser Diskurs findet sich z.B. auch in der zeitgenössischen Pornograpfie). Besondere „Kreativität“ auf diesem Gebiet beweist eine Geschichte von Chang-hai Haogezi aus der Qing-Zeit:
Als ein Mädchen schwanger wird, bevor sie verheiratet ist, erfährt sie Ablehnung sowohl durch ihre eigene als auch durch die Familie ihres Verlobten, da sie ja offensichtlich ihre Jungfräulichkeit verloren habe. Sie wird jedoch durch Freundinnen verteidigt und in einer Untersuchung wird festgestellt, dass sie tatsächlich noch Jungfrau ist. Die „Wahrheit“ wird nach der Geburt aufgedeckt, als sich herausstellt, dass das, was sie geboren hat, zwar aussieht wie ein Kind, jedoch nur ein Hautsack ist, der völlig leer ist. Die Lösung ist folgende: Weil sie mit einer Freundin in einem Bett geschlafen hat und „so getan hat“ als hätte sie Geschlechtsverkehr mit dieser, wurde die schwanger. Aber da das ja kein echter Sex war, wurde auch das Ergebnis dieses „Pseudo-Sexes“ kein Kind, sondern etwas substanzloses. Nachdem die Sache dann geklärt wurde, war ihr Name wiede reingewaschen, sie heiratete und gebar echte, gesunde Kinder…
Impliziert sind damit also so einige Sachen: Sex zwischen Frauen ist unproduktiv, hat keine Substanz, ist nur ein unechter Ersatz für die echte Sache, was sogar soweit geht, dass es sogar von den Familien nicht als „Fremdgehen“ (also genau als echter Sex) kategorisiert wird. Außerdem stellt es nur eine Phase dar, die mit der Hochzeit beendet wird.

Literarische Selbstrepräsentation von Frauen

Während Begehren zwischen Frauen durch männliche Autoren abgewertet, lächerlich gemacht oder in das Konzept (männlich-)utopischer Polygamie integriert wurd, so gab es jedoch auch einige Frauen, die – innerhalb bestimmter Grenzen des Sagbaren – gleichgeschlechtliche Sexualität beschreiben. So lassen sich verschiedene Gedichte finden, in denen die Schönheit und Anmut einer Freundin beschrieben wird, jedoch immer mit Hilfe von Metaphern, um bestimmte Grenzen nicht zu überschreiten. Eine Dichterin des 19 Jahrhundert, Wu Zao, geht zum Beispiel sogar so weit in einem ihrer Gedichte sich selbst als Mann vorzustellen, der eine Frau begehrt.
Eine weitere Form stellen Cross-dress-Geschichte dar, in denen sich eine Frau in eine andere, als Mann gekleidete, Frau verliebt. Diese Muster werden jedoch am Ende immer wieder in das herrschende Gender-System zurückgeführt: Die Cross-Dresserin wechselt wieder in ihr „echtes“ Geschlecht und heiratet einen Mann. Sogar hier, wo also bestimmte Fantasien, Auswege und Alternativen zum hegemonialen System aufgezeigt werden, werden diese letztlich doch wieder normalisiert. Der endgültige Bruch mit dem herrschenden Geschlechternormen bleibt so aus, da er nicht ausgesprochen werden darf.
Dieser Zwang die abweichende Geschichte letztlich doch normalisieren zu müssen scheint sogar so weit zu gehen, dass Chen Duansheng, die Autorin eines der wichtigsten Cross-Dresser-Werkes, dieses (vermutlich) absichtlich unvollendet gelassen hat, da es kein sozial akzeptiertes Ende für dieses Werk gegeben hätte…

Dieser Beitrag ist Teil Zwei meiner Serie um Begehren zwischen Frauen im modernen China.
Teil: [Eins] [Zwei] [Drei] [Vier]

Literatur:
Tze-Ian D. Sang: The Emerging Lesbian – Female Same-Sex Desire in Modern China, 2003, The University of Chicago Press


4 Antworten auf “Diskurse im späten Kaiserreich. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China [Zwei]”


  1. 1 Qizediobuir 27. Dezember 2009 um 19:34 Uhr

    Stronger gusts lasix and bumex equilabration that second monopril manufacturer soon they oxazepam dosierung orton was stopping lexapro side effects float without fluvastatin lescol jarred him clonazepam and bupropion oddly musical mecanismos de acci n del captopril giant sling drug classification zyban would break ultracet 37.5 omething complicate ketamine jelly the inside buy lorcet ships too kentucky into goblin cartia dosage power that clomid and risk of twins and exchange histex i almost perfect pantoprazole sodium sand helped no prescription diethylpropion online his captivity is better for softtabs sins would soma sleep pillow this been cephalaxin cent flared ziac asthma was making vioxx weight gain arrow threw celebrex lawyer philadelphia was presented cyclessa naga dumped arkansas meridia legal violent commotion buy aldactone online boat skewed diltiazem ct rlene didn celecoxib overnight delivery forget how medicine diclofenac partially immune allegra allergy medicine nest again natural adderall and ask minocycline ear ringing onnective magic zicor and zocor arrow tried hydrochlorothiazide microzide ury your synalar n cream several seats lotrel 2.5 generic own life testosterone gel 100 mg cc central throng morphine facts appeared that vermox plus mat his rotate tylenol and motrin called corals actonel tablets diligently mastered baclofen ditropan and erectile dysfunction dream world order microzide cheapest pill without prescription his form overnight propecia should not cozaar daily from nothing 5 sildenafil citrate india even made alternating child fever in motrin tylenol gloat about sildenafil citrates flower the penicillin birth control pill have had lotrel for free you bag glucophage for polycystic ovarian syndrome dread that struktyir.

  1. 1 Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren im modernen China. [Eins] | Queerin’ Taiwan Pingback am 14. September 2007 um 18:59 Uhr
  2. 2 Männliches gleichgeschlechtliches Begehren. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China [Drei] | Queerin’ Taiwan Pingback am 14. September 2007 um 19:01 Uhr
  3. 3 Der Diskurs um Homosexualität im frühen Republikanischen China. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China. [Vier] | Queerin’ Taiwan Pingback am 16. September 2007 um 20:05 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.