Diskurse im maoistischen China und danach. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China [Fuenf]

[Eins] [Zwei] [Drei][Vier][Fuenf]

Mit der Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 verschwand Homosexualität faktisch aus dem öffentlichen Diskurs. Sang berichtet lediglich eine einzige Quelle aus der maoistischen Era gefunden zu habe, in der Homosexualität überhaupt erwähnt wird; und auch dort lediglich als Perversion – die Quelle stammt übrigens aus dem Jahre 1950.

Doch obwohl die Verwendung des Begriffs Homosexualität ein Tabu wurde, heißt das nicht, dass es damit keine homoerotischen Praktiken oder medialen Diskurse gegeben habe, die zumindest als solche gelesen werden konnten. So findet sich beispielsweise in Filmen, Plakaten etc. häufig die Darstellung schöner Körper, die oftmals Berührung oder Kontakt zwischen Menschen des gleichen genders miteinschließen. Desweiteren widmen sich einige Filme der Darstellung enger gleichgeschlechtlicher Freundschaftsbeziehungen, was durchaus, auch wenn es nicht auf diese Weise gemeint worden ist, als Darstellung homoerotischer Beziehungen interpretiert werden konnte und kann.

Auch aus autobiographischen Schriften wird deutlich, dass homoerotische Praktiken und Begehren sich durchaus auf verschiedene Weisen manifestierten, wenngleich Homosexualität als Tabubruch und Vergehen bewertet wurde. Denn obwohl sie quasi abwesend im Diskurs waren, zogen homoerotische Handlungen dennoch Strafen nach sich: In der frühen Phase der Volksrepublik wurden etwa Menschen, die beschuldigt waren, homoerotische Handlungen durchgeführt zu haben, dazu gezwungen, mit einem Schild durch die Straßen zu gehen, auf denen ein Symbol geschrieben war, dass sich aus dem chinesischen Zeichen für Frau, und dem für Mann zusammensetzte, was ausdrücken sollte, dass die Verurteilten weder Mann noch Frau seien. Im weiteren Verlauf bestand gar die Möglichkeit für die Straftat „Analverkehr zwischen Männern“ zu Arbeitslager verurteilt zu werden, während noch später Homosexuelle anhand des „Hooliganismus“-Paragraphen kriminalisiert wurden. Allerdings wurden diese Straftaten alle sämtlich nicht als Homosexualität definiert, sondern unter Begriffen wie „Sodomie“ oder „Gender Inversion“ verhandelt.

1973 tauchte der Begriff Homosexualität dann erstmals wieder auf, im offiziellen Wörterbuch der chinesischen Sprache, in der es als „psychologische Perversion“ definiert wurde. Ansätze einer öffentlichen Debatte über das Thema ergaben sich allerdings erst durch die Veröffentlichung verschiedener sexualkundlicher Werke (überhaupt war der Diskurs um Sexualität vor den 80ern weitgehend unterdrückt bzw. lediglich in Bahnen der Reproduktion für die Nation gelenkt worden), in denen die Definitionen von Homosexualität als psychologische Anomalie, Perversion, Geisteskrankheit und Inversion aus der vor-Mao-Era wieder aufgegriffen wurden.

Nichtsdestotrotz hat sich zumindest der offizielle (Experten-) Diskurs in den 90ern wesentlich gewandelt. So wurde das Konzept der sexuellen Orientierung eingeführt, und im Jahre 1994 wurde eine Erklärung von mehr als 50 Experten herausgegeben, die das Modell von Homosexualität als Krankheit verwarfen. 2001 strich dann auch die chinesische Psychiatrie-Gesellschaft Homosexualität aus ihrer Liste der Geisteskrankheiten.

Die unsichtbare Lesbe und Orte der Sichtbarkeit

Im chinesischen öffentlichen Diskurs, wie auch in der Forschung um Homosexualität scheinen Lesben weitgehend abwesend zu sein, während schwulen Männern zumindest ein wenig Raum eingestanden wird. Als Erklärung dafür stellen einige die Hypothese auf, dass dies dem Fakt geschuldet sei, dass sich bislang noch keine lesbische Szene herausgebildet habe, die vergleichbar mit westlichen Szenen wäre; andererseits gebe es eine schwule Bar und Cruising-Szene, die damit Bilder, die über Schwule im Westen bestehen reflektiert. Eine andere, und spannendere These über die diskursive Abwesenheit von Lesben, geht davon aus, dass enge und innige Beziehungen zwischen Frauen in China so alltäglich seien, dass die Distinktion zu lesbischer Identität verwischen, und sich aufgrund dessen noch kein Diskurs darum gebildet habe.
Unabhängig davon, was genau der Grund dafür ist, bleibt festzuhalten, dass Lesben kein Thema des öffentlichen Diskurses sind, was ambivalente Konsequenzen nach sich zieht: Einerseits bleiben sie als Gruppe weitgehend unsichtbar und haben somit keine Chance zur Selbstdarstellung. Andererseits sind sie in der Folge aber auch nicht in gleicher Weise einem homophoben und abwertenden Diskurs ausgeliefert, wie dies teilweise für schwule Männer der Fall ist.

Seit den 90ern bilden sich aber auch in Festlandchina lesbische Initiativen heraus, die besonders darum bemüht sind, Informationen zu verbreiten und Netzwerke zu knüpfen. Ebenfalls sind einige wichtige und viel diskutierte Romane erschienen, die sich mit weiblicher homoerotischer Liebe beschäftigen und diese positiv besetzen. Allerdings sehen sich auch diese literarischen Werke mit verschiedenen Herrschaftsverhältnissen konfrontiert: Zensur und die Schwierigkeit einen Verlag zu finden einerseits, wie auch voyeuristische Diskussionen der Werke und Abwertung durch Kritiker andererseits stellen reale Probleme für die Autorinnen dar. Nichtsdestotrotz hat sich, auch und besonders durch literarische Auseinandersetzung, eine Art Nische oder Raum gebildet, in dem weibliche Homosexualität verhandelt und diskutiert werden kann.

Literatur:
Tze-Ian D. Sang: The Emerging Lesbian – Female Same-Sex Desire in Modern China, 2003, The University of Chicago Press, S. 163 – 225.