Lesbian Activism / Feminism

Lesbische Aktivist_innen in Taiwan begreifen sich weitgehend als Teil einer queeren Community, die eine Allianz mit schwulen Aktivist_innen miteinschließt. Lesbische und schwule Gruppen haben in der Vergangenheit etwa zusammen verschiedene queere Fesivals und Events organisiert und sind auch heute in Gruppen und Allianzen vereint. Gleichzeitig verstehen aber auch einige Lesben und Feministinnen in Taiwan lesbischen Aktivismus als eine spezifische weibliche Widerstandsform gegen einen männlich dominierten hegemonialen Diskurs, und sehen sich in der Folge als eher mit dem Feminismus als mit (männlichen) schwulen Aktivisten verbunden. Doch auch wenn es diese Schnittstellen von Feminismus und lesbischem Aktivismus gibt und gab, fand nichtsdestotrotz innerhalb der taiwanischen feministischen Bewegung eine Marginalisierung von Lesben statt, die zu politischen Auseinandersetzungen innerhalb der sozialen Bewegung führte:

Einige Feministinnen zweifelten etwa die Legitimität lesbischer Anliegen innerhalb der Frauenbewegung an, indem sie Lesben als Minderheit innerhalb der Bewegung definierten, weshalb ihren Anliegen keine Priorität eingeräumt werden sollte. Stattdessen sollten Lesben lieber für sich selber und über lesbsiche Themen sprechen. Dieses Argument ist natürlich höchst problematisch und ausgrenzend, da es nicht einmal die Möglichkeit anerkennt, dass Feministinnen selbst Lesben sein könnten oder umgekehrt Lesben Feministinnen. Darüberhinaus ignoriert es, dass lesbische Aktivistinnen vorher für lange Zeit feministische Politik gemacht haben.

Um diese Einschluss- und Ausschlussfragen drehte sich eine Serie von Artikeln im Jahre 1995, die sowohl in der lesbischen Zeitung Nü pengyou (Girlfriend) als auch in der Publikation einer der wichtigsten Frauenorganisationen, der funü xinzhi jijinhui (Awakening Foundation) erschienen; letztere ist eine Frauenrechts-NGO, in der sowohl bezahlte als auch ehrenamtliche Frauen arbeiten. Die Ursprungsthese dieser Auseinandersetzung war die, dass Homophobie und Privilegierung von Heterosexualität sowohl in der Mehrheitsgesellschaft als auch innerhalb der Frauenbewegung dominant seien, lesbische Anliegen hingegen seien marginalisiert und unterrepräsentiert. Darüberhinaus wurde die bisherige feministische Bewegung dafür kritisiert, dass sie weder die vorherrschende Struktur der Familie als auch die Konstruktion von gender und Begehren offensiv angegriffen haben.
Eine These in diesem Zusammehang war diese, dass die Unterscheidung von Homosexualität und Heterosexualität insgesamt anzugreifen sei, da sie eine das Patriarchat stützende Spaltung der Frauen in gute und schlechte darstelle.

Demgegenüber ließen einige traditionelle Feministinnen die inhaltiche Kritik weitgehend außen vor und vertraten lediglich die Meinung, Frauenbewegung und lesbischer Feminismus sollten Koalitionen eingehen, um sich gegenseitig zu unterstützen, womit sie implizit erneut eine Trennlinie zwischen beidem zogen und überhaupt nicht die (personellen wie inhaltlichen) Überschneidungen greifen konnten. Diese Distinktion zwischen beiden Bewegungen ging sogar so weit, dass eine wichtige Feministin die Ansicht vertrat, die Frauenbewegung brauche zwar die lesbsichen Aktivistinnen, und eingestand, dass auch die Frauenbewegung mehr für lesbische Anliegen eintreten solle, aber im Gegenzug dies relativierte, indem sie sagte, der Einsatz für Lesben sei leer, wenn nicht genug Lesben innerhalb der Frauenbewegung aktiv seien. Einmal mehr wurde also die Frauenbewegung als heterosexuelle imaginiert und die Beteiligung lesbischer Frauen unsichtbar zu machen versucht.

Eine andere Feministin, die früher selbst in der Awakening Foundation aktiv gewesen war, widmete sich in ihrem Beitrag zur Debatte der Frage nach den Gründen des Ausschlusses homosexueller Frauen aus der Frauenbewegung und stellte die Frage, warum einerseits Beziehungen zwischen Frauen innerhalb der Frauenbewegung propagiert würden, aber andererseits Frauen, die romantische Beziehungen zu anderen Frauen eingingen ausgegrenzt würden:

„Isn’t that strange? While we were advocating the ideas that women should identify with women and that women should love women, I fell in love with a real woman of flesh and blood, but I didn’t become a heroine as a consequence. Instead, I automatically withdrew from you and disappeared.”1

Die vorherrschende Ablehnung von Lesben innerhalb der Frauenbewegung hat einige lesbische Aktivistinnen zu der Schlussfolgerung geführt, dass der lesbische Aktivismus eine widersprüchliche Haltung zur Frauenbewegung einnehmen sollte. Einerseits sollten lesbische Themen innerhalb der Frauenbewegung thematisiert werden, andererseits müsse sich aber auch, aufgrund des homophoben Status Quo, eine von der Frauenbewegung abgetrennte lesbische Bewegung formieren.

Die Verknüpfung von Feminismus und lesbischem Aktivismus wurde aber nicht nur von Teilen der Frauenbewegung kritisiert, sondern auch einige Lesben erhoben Einspruch gegen den Fakt, dass lesbische Anliegen fast immer innerhalb feministischer Zusammenhänge diskutiert würden. Ihr Argument lautete, dass dadurch impliziert würde, lesbische Themen haben keine Legitimität an sich, sondern nur in Verbindung mit und als Teil von Feminismus.
Gegen diese Position wurde von verschiedenen lesbischen Feministinnen eingewandt, dass die Frage des genders immer mit in die Kämpfe lesbischer Bewegungen eingewoben wäre, und dass feministische und queere Bewegung lediglich zwei unterschiedliche Wege innerhalb desselben Kampfes seien. Während sich eine Bewegung eher Fragen der sexuellen Orientierung widme, nehme die andere das Geschlechterverhältnis in den Blick. Beide Themen seien jedoch nur analytisch zu trennen. Darüberhinaus stelle lesbische Identität bereits per se das Patriarchat infrage, da es die Möglichkeit weiblicher Unabhängigkeit sowie die Ablehnung von Zwangsheterosexualität und Reproduktionsimperativ angreife.

Kurz nach den Diskussion um das Verhältnis von Feminismus und lesbischem Aktivismus wurden zwei wichtige prolesbische Feministinnen aus ihren Jobs bei der Awakening Foundation entlassen, was wohl eindeutig als Annährung der Frauenbewegung an den gesellschaftlichen Mainstream und gleichzeitige Verwerfen der Möglichkeit einer (Re-)Radikalisierung gelesen werden muss.
Auch in Folge dieser Trennung von der Frauenbewegung gründeten sich verschiedene Gruppen, die sich explizit den Rechten von (Schwulen und) Lesben widmeten, und die somit zumindest vorläufig offizielle Verbindungen zur feministischen Bewegungabschnitten.Diese Bewegungen und Organisationen stehen nun ihrerseits dem Problem gegenüber, nicht in der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit zu versinken, da sie sich (noch) keiner so großen Basis versichert sein können, wie dies für die Frauenbewegung der Fall war und ist.

  1. zitiert nacht: Tze-Ian D. Sang: The Emerging Lesbian – Female Same-Sex Desire in Modern China, 2003, The University of Chicago Press, S. 242. [zurück]