Männliches gleichgeschlechtliches Begehren. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China [Drei]

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Während für lesbische Frauen in China lange Zeit kein Identifikationspunkt innerhalb der chinesischen Kultur bestand, ist eine weit verbreitete Fantasie oder Vorstellung schwuler Männer, dass es in China eine lange schwule Tradition gebe.

Ganz so einfach, wie dies jedoch oftmals dargestellt wird, ist es aber natürlich nicht. Ja, es gab gleichgeschlechtliche Sexualität unter Männern in den verschiedenen (auch späten) Dynastien, und ja, diese wurde auch literarisch dokumentiert.

Allerdings gibt es starke Unterschiede in der Art und Weise, wie diese Sexualität rezipiert wurde. Einerseits war es zwar der Fall, dass der aktive, penetrierende Partner keinerlei sozialer Abwertung ausgesetzt war, sondern seine Vorliebe für Männer oder männliche Jugendliche sozial akzeptiert waren. Der passive Partner hingegen erfuhr sehr wohl ein gewisses Maß an Abwertung und seine Position als Penetrierter implizierte eine soziale Feminisierung. Dies war noch stärker der Fall, wenn es sich um eine erzwungene Penetration handelte, dies war mit einem besonders starken Stigma versehen. Im Gegensatz dazu war aber offensichtlich die aktive Rolle beim Sex mit einem anderen Mann in das zeitgenössische Konzept von Männlichkeit integriert.

Des weiteren waren diese Möglichkeiten auch an soziale Klasse und Status gebunden: Männer höherer Klasse oder mit einem gewissen Maß an Reichtum konnten es sich (im doppelten Sinne) leisten, männliche passive Liebhaber zu haben, während die passive Rolle sozial abgewertet und nur von Männern in schlechteren Berufsklassen (wie Dienern und Schauspielern) offen angenommen wurde.
Der Zusammenhang, dass offenbar zwischen dem Penetrierenden und dem Penetrierten so stark unterschieden wurde, macht deutlich dass es ein Konzept, das dem der Homosexualität oder des gleichgeschlechtlichen Begehrens, wie wir es kennen, nicht gegeben hat. Insofern ist also eine Projektion der Kategorie schwul in diese Epoche fehl am Platz.

Ein weiterer wichtiger Punkt, ist die Frage danach, wie der Fakt, dass ein Mann einen (oder mehrere) männliche Liebhaber hatte, in das Ehe-System und in die konfuzianische Tugendlehre eingebaut werden konnte.
Im Gegensatz zu (Frauen-begehrenden) Frauen, die sich dem Heiratssystem gänzlich unterordnen zu hatten (und lediglich darauf hoffen konnten eine Beziehung zu einer weiteren Frau innerhalb der Ehe einzugehen), gilt dies für Männer nicht in dem selben Maße. Zwar war auch für sie die Heirat die Norm, aber sie hatten die Möglichkeit, auch abseits von der Ehe Sex (sowohl mit anderen Frauen als auch mit Männern) zu haben, solange nur für Nachwuchs innerhalb der Ehe gesorgt war. Ihre Freiheiten waren also nicht vergleichbar mit denen von Frauen (die mehr oder weniger inexistent waren), wie auch von Männern aus niederen sozialen Schichten.

Klassen-, wie auch Gender-Differenzen spielten also eine große Rolle, was die Spielräume und Möglichkeiten verschiedener Menschen mit gleichgeschlechtlichem Begehren anging. Eine Geschichtspolitik heute darf also nicht den Fehler begehen, Homosexualität als Kategorie positiv in die Vergangenheit hinzu projizieren und sich unkritisch mit dieser zu identifizieren.

Dieser Beitrag ist Teil Drei meiner Serie um Begehren zwischen Frauen im modernen China.
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