Der Diskurs um Homosexualität im frühen Republikanischen China. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China. [Vier]

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Das Konzept der „romantischen Liebe“

Im frühen zwanzigsten Jahrhundert findet erstmals ein Diskurs über Homosexualität in China in medizinischen und anderen Zeitschriften statt. Dies ist damit zu erklären, dass in dieser Zeit europäische Abhandlungen aus den Bereichen Sexualkunde und Sexualstudien (teilweise über den Zwischenschritt Japan) ins Chinesische übersetzt und in Zeitschriften, Buchform oder auf Vorträgen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Im Vergleich zu späteren Epochen war dieser Diskurs eher ambivalent und die Bedeutung von Homosexualität wurde sogar recht kontrovers diskutiert.

Im frühen 20. Jahrhundert findet in China eine lebhafte Debatte über das Thema der „romantischen Liebe“ statt, die zu dieser Zeit gegenüber der konfuzianischen Tradition, die arrangierte Hochzeiten und Polygamie postulierte, stark gemacht wurde. Dies ist auch deshalb interessant, weil tatsächlich das Konzept der „romantischen Liebe“ (zwischen Mann und Frau) in verschiedenen Publikationen zur Debatte stand und die Notwendigkeit gegeben war, dieses überhaupt mit Inhalt zu füllen. Während einige die Auffassung vertraten, dass „romantische Liebe“ etwas qualitativ unterschiedliches zu anderen Formen von Beziehungen, wie z.B. Freundschaft darstellte, und diese idealisierten, zweifelten andere diesen Unterschied an, und wieder andere vertraten sogar die Auffassung, dass es so etwas wie „romantische Liebe“ überhaupt nicht gebe. Dieser Zusammenhang ist für den Diskurs über Homosexualität gleich in mehrfacher Hinsicht relevant. Einerseits ist bemerkenswert, dass als Begriffe für Homosexualität tongxing ai, tongxinglian´ai oder tongxinglian (alle bedeuten ungefähr gleich-geschlechtliches Liebe; tong = gleich, xing = gender) benutzt wurden, insofern lian´ai genau das neu eingeführte Konzept der romantischen Liebe bezeichnete; auch ai und lian tragen eine ähnliche Konnotation. Anstatt also Homosexualität lediglich als gleich-geschlechtliche Sexualität o.ä. zu bezeichnen wurde auf dieser Ebene Homosexualität mit der gegengeschlechtlichen „romantischen Liebe“ parallelisiert und eine Beziehung, die über das Körperliche hinausgeht unterstrichen.

Andererseits wurde jedoch in den 20er Jahren die Bedeutung des Begriffs der „romantischen Liebe“ diskursiv auf Beziehungen zwischen Mann und Frau weitgehend eingeschränkt und enge Beziehungen zwischen Menschen des gleichen Geschlechts auf den Begriff der Freundschaft reduziert. Nichtsdestotrotz wurde diese Auffassung jedoch von einigen Intellektuellen angegriffen, wie beispielsweise von Mao Yibo, in der Zeitschrift Xin nüxing (New Woman):

„If relationships of the same weight are called love when occurring between people of the opposite sex and friendship when occurring between people of the same sex, I think that such naming is not only unwise but also superfluous.“2

Damit tritt der Autor dieser Zeilen also nicht nur dafür ein, die Höherbewertung von heterosexueller Liebe gegenüber homosexueller aufzulösen, sondern stellt die Distinktion zwischen Freundschaft und Liebe überhaupt infrage.
Die Bedeutung der Konzepte von romantischer Liebe, Hetero- und Homosexualität waren also zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch durchaus umkämpft und nicht festgelegt. In diese Zeit fallen aber auch die ersten Übersetzungen westlicher Sexualwissenschaften ins Chinesische, die bleibende Auswirkung auf den Diskurs haben sollten.

Die Rezeption des westlichen Diskurses

Homosexualität wurde im republikanischen China anfangs nicht nur in medizinischen Fachzeitschriften und Handbüchern, sondern auch in verschiedenen Zeitschriften und Magazinen anhand von übersetzten Artikeln aus dem Westen diskutiert. Dabei war dieser Diskurs keineswegs homogen, sondern die Übersetzer machten den Leser_innen sowohl pathologisierende, homophobe Artikel, als auch Ansätze, die Homosexualität liberal gegenüberstanden, zugänglich.

1911 wird etwa in der Funü shibao (Women´s Times) ein Artikel mit dem Titel „Same-sex erotic love between women“ veröffentlicht, der sich auf verschiedene europäische Sexualwissenschaftler stützt, und der in doppelter Hinsicht interessant ist. Einerseits wird weibliche gleichgeschlechtliche Sexualität explizit verglichen und parallelisiert mit gleichgeschlechtlicher Liebe zwischen Männern (bzw. um genauer zu sein mit der Vorliebe von Männern für schöne Jünglinge). Dies ist insofern interessant, als in früheren Epochen gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen im Diskurs quasi nicht-existent war, während die Vorliebe von Männern für andere Männer eine offene und bekannte Tatsache war.
Auf der anderen Seite ist dieser Artikel insofern relevant, als er, als einer der ersten, die europäischen Erklärungs- (und Abwertungs-)Konzepte für homosexuelles Begehren einführt, die sowohl in Europa als auch China im folgenden wirkmächtig werden und bleiben sollten: es handele sich dabei um eine Inversion des Begehrens, eine Abnormalität, Krankheit und eine Perversion des Sexualtriebs.
Während also einerseits Begehren zwischen Frauen erstmals im Diskurs sichtbar gemacht, und sogar mit dem bis dahin nicht negativ konnotierten Konzept männlichen gleichgeschlechtlichen Begehrens verglichen wird, wird andererseits gleichzeitig homosexuelles Begehren abgewertet und pathologisiert.
Im weiteren Verlauf dieses Textes wird jedoch auch einschränkend behauptet, dass nicht jegliche Zuneigung zwischen Frauen auf eine „Inversion“ zurückzuführen sei, sondern eher oftmals der Grund darin zu suchen sei, dass in Mädchenschulen die Möglichkeit fehle, Bekanntschaften mit Jungen zu machen, und es sich daher eher um eine „Mode“ handle, die man einzuschränken habe, indem man den „moralischen Charakter“ der Mädchen kultiviere. Interessanterweise wird hier gleichgeschlechtliches Begehren eher auf äußere Umstände zurückgeführt, und nicht auf irgendeine innere Wahrheit, was möglicherweise auf die Subjektkonstruktion der chinesischen Tradition zurückzuführen ist, die das Subjekt nicht primär als autonomes, sondern relativ zu Umständen und Beziehungen begreift.

Eine weitere wichtige Auseinandersetzung fand in den Diskussionen des Werks von Edward Carpenter statt: Carpenter beschreibt die gleichgeschlechtlichen Beziehungen in Bildungsinsitutionen in England (wobei auch er eher männlichen einen „echteren“ und höheren Stellenwert einräumt als denen unter Frauen und Mädchen) und nimmt eine liberale, tolerante Einstellung dazu ein. In mehreren Artikeln werden im Republikanischen China die Beobachtung von Carpenter mit der Situation an chinesischen Bildungseinrichtungen verglichen, und verschiedenen Autoren nehmen dazu gegensätzliche Positionen ein. Während einige fordern, die gleichgeschlechtlichen Beziehungen (die einen offenes Geheimnis zu sein scheinen) zu tolerieren (und teilweise zu institutionalisieren), betrachten andere sie als ein Hindernis auf dem Weg zu einem „normalen“ verheirateten Leben und als Perversion.
Die Übersetzung eines Artikels aus Japan hingegen nimmt sogar eine affirmative Position zur Zuneigung zwischen Frauen ein und argumentiert, dass diese dazu führe, dass Schülerinnen sich den Charakter ihrer Lehrerinnen als Vorbild nehmen und so aufgrund von spiritueller Zuneingung quasi bessere Menschen würden.

Carpenter´s „The Homogenic Attachment“…

Im Jahre 1929 wurde Carpernter´s „The Homogenic Attachment“ als Übersetzung unter dem Titel „On same-sex romantic love“ in der Zeitschrift Xin nüxing veröffentlicht. In diesem Essay wird die Position vertreten, dass es sich bei gleichgeschlechtlicher Liebe nicht um eine (mentale) Krankheit handle, sondern sogar einige der wichtigsten Personen in der europäischen Geschichte homoerotische Neigungen gehabt haben. Zweitens sei es nicht möglich, und gleichermaßen nicht notwendig, homosexuelle Menschen in irgendeiner Form zu „heilen“, und drittens gebe es ein weites Spektrum von Menschen mit homosexuellem Begehren, von Menschen, die ausschließlich von Menschen des gleichen Geschlechts angezogen würden, bis hin zu solchen bei denen dies nur selten der Fall sei.
Außerdem vertritt Carpenter in seinem Essay auch die Auffassung, dass Sexualität vom Imperativ der Fortpflanzung befreit werden müsse, und dass stattdessen Gefühle und Beziehungen einen ihnen immanenten Wert haben. Dieser Artikel scheint auch in feministischen Kreisen Interesse und Zustimmung hervorgerufen zu haben, und scheint einer der wichtigsten pro-Homosexualitäts-Artikel seiner Zeit gewesen zu sein.

… und Havelock Ellis´ „The Psychology of Sex“

Laut Sang wurde der vorhergehende, ambivalente Diskurs durch das Werk „Xing xinli xue“ von Pan Guangdan aus dem Jahre 19461, einer Übersetzung von Havelock Ellis´ „The Psychology of Sex“ überschattet. Pan Guangdan scheint auch heute noch als einer der Pioniere der Sexualwissenschaften zu gelten, was wohl unter anderem auch auf die Qualität seiner Übersetzung (im Vergleich zu den vorher genannten Werken) und seinen eigenen Studien zu Homosexualität in China zu verdanken ist.
Pan gibt zwar ebenfalls zu, dass es weibliche gleichgeschlechtliche Liebe in chinesischen Schulen gegeben habe, aber er trivialisiert diese und spricht ihnen die Bedeutung ab. Außerdem betont auch er die Dichotomie von Normalität und Anormalität und vertritt ein Konzept der Inversion als Erklärung für Homosexualität. Allerdings versucht auch er offensichtliche Brüche zu glätten; so verwirft er zum Beispiel Ellis´ Erklärung der Homosexualität als Inversion in Hinsicht auf chinesische Männer, die eine Vorliebe für männliche Jugendliche haben, da diese (also die begehrenden, aktiven Männer) seiner Meinung nach ja keine Anzeichen von Verweiblichung aufweisen würden.

The meaning of it all

In den 20er Jahren findet also eine relativ starke, und vorher nicht gekannte Auseinandersetzung um weibliche Homosexualität in China statt, die besonders das Thema der Beziehungen in Schulen in den Mittelpunkt stellt, und so auch Diskussionen um die Veränderung der Bildungseinrichtungen zur Folge hat. Oftmals taucht dabei jedoch die Strategie auf, weibliche Homosexualität als eine Art Ersatzbefriedigung zu definieren, und als lediglich gespielte Beziehung aufzufassen (was impliziert, dass die Zuneigung zwischen Mann und Frau irgendwie „echt“ und nicht gespielt wäre“). Andererseits wird ihnen aber auch durch den vergleich mit männlicher Homosexualität implizit ein gewisses Maß an Relevanz zugemessen.
Insgesamt lässt sich aber sagen, dass in der frühen Auseinandersetzung um Homosexualität in China die Bedeutung noch umkämpft war und noch kein eindeutiger, einseitiger Diskurs bestanden hat. Einerseits taucht erstmals so etwas wie ein Bewusstsein um homosexuelle Identität auf, andererseits geht dies jedoch oftmals Hand in Hand mit homophoben und pathologisierenden Diskursfragementen. Diese negativen Konnotation scheinen dann jedoch im späteren Verlauf, besonders mit der Übersetzung von Ellis´ Werk die Überhand zu gewinnen.

  1. Sang überspringt hier in ihrem Werk eine Zeit von fast 20 Jahren, ohne kenntlich zu machen, warum sie dies tut. Aber ich vermute, dass dies mit dem Ausbruch des chinesischen Bürgerkriegs zu tun hat… [zurück]
  2. Mao Yibo, Zai lun xing´ai yu youyi, in: Xin nüxing 3, no 11 (1928), 1248-58. zitiert nach Sang (2003), S. 105. [zurück]

Dieser Beitrag ist Teil Zwei meiner Serie um Begehren zwischen Frauen im modernen China.
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Literatur:
Tze-Ian D. Sang: The Emerging Lesbian – Female Same-Sex Desire in Modern China, 2003, The University of Chicago Press, S. 99 – 126.