Diskurse in Taiwan. Weibliches gleichgeschlechtliches Begehren in China [Sechs]

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Nach der Gründung der Republik China im Jahre 1949 wurde Taiwan anfangs stark durch die USA unterstützt und in der Folge auch beeinflusst. Dieser Einfluss wirkte sich auch auf die sozialen Bewegungen in Taiwan aus, so dass heute gewisse Ähnlichkeiten der lokalen queeren Bewegungen und ihrer Politiken zu denen in westlichen Ländern, insbesondere in den USA, bestehen. Jedoch gibt es auch wesentliche Unterschiede.

Ein wichtiger Unterschied zwischen queeren Bewegungen und der Konstruktion queerer Identitäten ist das Konzept des Coming-Out, das im Westen als ein wichtiger (fast notwendiger) Ort des individuellen Widerstands und Selbstdarstellungsprozesses gedacht wird. In Taiwan hingegen zwingen die herrschenden Normen und Diskurse eine andere Form des Coming-Outs und des Sichtbarmachens zu praktizieren; sehr wenige Menschen in Taiwan kommen „out of the closet“ im westlichen Sinne. Das Coming-Out besteht in Taiwan meist eher in einer kollektiven als einer privaten oder individuellen Aktion, und schließt das Outing eines konkreten bestimmten Menschen explizit nicht mit ein. Stattdessen tritt eine Gruppe von Menschen an die Öffentlichkeit und outet sich selbst als queer, und benutzt dabei oftmals Pseudonyme oder Masken, so dass die eigene Identität nicht offenbart wird. Es geht also weniger darum die eigene Homosexualität im persönlichen Umfeld zu „gestehen“, als vielmehr die Existenz von queeren Menschen in der Öffentlichkeit überhaupt sichtbar zu machen.

Nichtsdestotrotz finden sich aber auch verschiedenste politische Formen der Auseinandersetzung mit lesbischer (und auch schwuler oder andere queerer) Selbstdefinition in der öffentlichen Sphäre in Taiwan, besonders seit Beginn der 1990er; so wurden Protestaktionen durchgeführt, ebenso wie Diskussionsveranstaltungen und Meetings mit der Politik. Gleichzeitig entstanden Magazine, die sich mit lesbischer Identität und Aktivismus beschäftigten, sowie literarische, filmische und künstleriche Werke.

Ambivalente Sichtbarkeit

Auch wenn heute in der taiwanischen Öffentlichkeit weibliche Homosexualität stärker diskutiert wird, als dies je der Fall war und ebenfalls stärker als dies in anderen chinesischsprachigen Gesellschaften passiert, so stellt dieser Diskurs zumindest ein zweischneidiges Schwert dar. Denn auch wenn Homosexualität bereits früher (wieder) diskutiert wurde, als dies auf dem chinesischen Festland der Fall war, und auch von medizinisch-psychologischer Seite, die Definition von Homosexualität als Geisteskrankheit entsprechend schneller verworfen wurde, so spielt eine pathologisierende Bestimmung abweichender Sexualität im öffentlichen Bewusstsein, wie auch in Teilen im medialen Diskurs nach wie vor eine wichtige Rolle. Außerdem wird gleichgeschlechtliches Begehren zwischen Frauen als Angriff auf die konfuzianischen Diskurse um Familie und Sexualität empfunden. Der Anspruch an eine taiwanische Frau ist es nach wie vor, ein „normales“ Leben zu führen, was Heirat und Kindergebären miteinschließt.

Darüberhinaus stellt sich auch der Umgang lesbischer Aktivistinnen mit den Medien als schwierig und ambivalent dar, da die Medien selbst keinen klaren Kurs fahren, sondern zwischen Interesse und ernsthafter Auseinandersetzung einerseits und Sensationslust und homophoben Kommentaren andererseits hin- und herpendeln zu scheinen.
So lassen sich einerseits queere Themen immer wieder in den Medien Taiwans platzieren, und die Presse nimmt beispielsweise zu Aktionen, HIV/AIDS-Aktivismus und westlichen Gay Pride Parades eine relativ liberale Einstellung ein, und diskutiert etwa auch Themen wie die Öffnung der Ehe für nicht gegengeschlechtliche Paare und berichtet wohlwollend über queere literarische Werke. In dieser Hinsicht scheinen die Medien also gesellschaftlichem Wandel und Offenheit positiv gegenüberzustehen. Andererseits finden sich aber auch, oftmals sogar in Publikationen desselben Verlages oder gar in einer anderen Ausgabe derselben Zeitung, sensationslustige Berichte, die Stereotype über queere Menschen fortschreiben und propagieren und Homosexualität lediglich in Bezug auf ausschweifende Sexualität diskutieren oder gar mit Kriminalität assoziieren.1

Dieses ambivalente Verhältnis zur Mainstreampresse ist auch ein Grund dafür, dass sich lesbische Aktivistinnen auch an Alternativen zu den Mainstream-Medien arbeiten und diverse eigene Publikationen und Magazine herausgeben, und das Internet immer stärker als unzensierten Ort nutzen, um Diskussion zu führen und Themen bearbeiten zu können.

Andere Orte der Diskrimierung

Neben den Medien, die im besten Fall ambivalent, oft eben aber auch offen homophob über Menschen berichten, die gegen die heterosexuelle Norm verstoßen, gibt es in Taiwan noch weitere Ebenen der Diskriminierung. Einerseits sind dies, wie bereits angeschnitten, Eltern, denen gegenüber sich die Kinder nur sehr selten outen (Geschwister oder Freunde werden häufiger und eher eingeweiht), und für die die Homosexualität eines Kindes ein großes Problem darstellt, bis hin zu Versuchen, die Person „heilen“ zu wollen, oder sie sogar zu verstoßen. Gleichzeitig herrscht in taiwanischen Familien, in denen vermutet wird, ein Familienmitglied könnte homosexuell sein, oftmals eine Nicht-Fragen-Nicht-Erzählen-Politik, also eine Art Ignorieren und Nicht-Wissen-Wollen.

Neben der Familie sind auch Schule und Arbeitsplatz Ort der Diskriminierung gegenüber Lesben, insofern als Schülerinnen relativ stark von ihren Lehrer_innen überwacht werden, und sie zwar einerseits zu ermutigt werden von Jungen fernzubleiben und Freundschaften mit anderen Mädchen zu knüpfen, jedoch andererseits Beziehungen, die verdächtigt werden über platonische Freundschaft hinauszugehen, den Eltern gemeldet werden und die entsprechenden Mädchen durch die Schule befragt werden. Die widersprüchliche Position von Schulen zu Freundschaften zwischen Mädchen spiegelt auch ein Ereignis aus dem Jahre 1994 wider: Als zwei Schülerinnen gemeinsam in einem Hotel Selbstmord begingen spekulierte die Presse darüber, ob diese eine homosexuelle Beziehung geführt hätten. Die Schule reagierte darauf, indem sie eine Broschüre veröffentlichte, in der sie behauptete „same-sex love“ sei keine Homosexualität, um so eine Trennlinie zwischen platonischer Freundschaft und Homosexualität zu ziehen; also eine als normale oder natürliche Beziehung zwischen zwei Mädchen gegen den Vorwurf der pathologischen Krankheit zu verteidigen.

Auch am Arbeitsplatz sehen sich ge-outete Lesben mit Mobbing und Diskriminierung konfrontiert, so dass sich die meisten dafür entscheiden, ihre sexuelle Orientierung geheimzuhalten.Und auch der Staat diskriminiert (erwartungsgemäß) queere Paare nach wie vor, indem er ihnen nicht die gleichen Rechte gewährt, wie sie für gegengeschlechtliche Paare selbstvertändlich sind, etwa die Möglichkeit Kinder zu adoptieren, sich gemeinsam versteuern zu lassen und dergleichen mehr. Allerdings hat die jetzige Regierung vor einigen Jahren eine Absichtserklärung verabschiedet, nach der die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet werden soll – allerdings ist es bislang auch bei dieser Absichterklärung geblieben.

  1. Sangs These in Bezug auf die Widersprüchlichkeit der medialen Diskussion von Homosexualität besagt, dass die Medien einen stark ausdifferenzierten Mark an potentiellen Kund_innen zu bedienen habe, und so versuche, Angebote für Menschen mit verschiedenen Weltbildern zu produzieren und zu verkaufen. [zurück]